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Christus will in jedem Menschen Heil erfahren

April 16, 2019

Wer steht am Rand? Wer in der Mitte? Und weshalb? Wie würden Menschen in einer «christliche» Gesellschaft miteinander umgehen? Und wer braucht schon «Gutmenschen»?

Bedürftige Menschen wie Witwen, Waisen oder Fremde haben Gott als Fürsprecher (5. Mose 10,18). In Matthäus 25,31-46 setzt sich Christus mit Hungrigen, Durstigen, Fremden, Nackten, Kranken und Gefangenen gleich, wenn er sagt: «Was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.» Nicht selten bezeichnet man heute diese Geringsten als «Randgruppen». In der Schweiz ist auch das Wort «Randständige» gebräuchlich.

Wer steht wo?

Wo ein Rand ist, ist eine Mitte. Vom Mittelstand wird oft gesprochen. Es sind die, denen es in unserer Gesellschaft gut geht. Nicht die Superreichen, die selbst Randgruppe wären, würden sie nicht grossen Einfluss nehmen können auf eine Gesellschaft. Das können Randständige nicht. Wer zum Rand der Gesellschaft gehört, hat weniger Bedeutung, ist weniger Wert. Am Rand steht man näher am Abgrund. Der totale Absturz droht. Im Zentrum dagegen sind die Menschen sicher und können sich am gesellschaftlichen Diskurs beteiligen.

Stillgestanden!

Wie wird mit den Menschen am Rand einer Gesellschaft umgegangen? Wie wird mit den Schwachen umgegangen, mit den Minderheiten, den Outlaws, den Bösen und Dummen? Bekommen sie ihre Chancen, um Teil eines Mittelstands zu werden?
Begrenzte Flächen haben immer Randbereiche. Wer darauf vom Rand zur Mitte strebt, drängt andere an den Rand.
Die Angst des Mittelstands vor dem Abstieg in die Bedürftigkeit ist begründet. Eine Gesellschaft hat daher ein (unterschwelliges) Interesse, dass arme Menschen arm bleiben. Die Randständigen werden zum Puffer für den Mittelstand. Diese «Randständigen» stehen. Sie bewegen sich nicht, sollen sich auch nicht bewegen, schon gar nicht hin zur Mitte. Sie sollen Rand bleiben. Konkret bedeutet dies beispielsweise, dass selbst hochqualifizierte, anerkannte Flüchtlinge kaum eine gut bezahlte, angemessene Arbeit finden. Und Sozialhilfeabhängigkeit wird richtiggehend an die Kinder weitervererbt.

Eine neue Dimension

Dass wir in unserer Gesellschaft von «Randgruppen» sprechen, ist verräterisch und verweist auf ein antiquiertes Weltbild: Die Welt als Scheibe, zweidimensional. Es ist daher höchste Zeit für die ptolemäische Wende. Gemeint ist die Erkenntnis, die im 2. Jahrhundert festgeschrieben wurde, dass die Erde eine Kugel ist. Auch die soziale Welt spielt auf dieser Kugel, auf der Erde. Da gibt es keinen Rand und keine fix definierte Mitte.
So sieht ja auch unsere Realität aus, in der Arme und Reiche, Einheimische und Fremde, Bedürftige und Wohltäterinnen in unmittelbarer Nachbarschaft zusammenleben und sich im Alltag immer wieder begegnen. In antiquierten Begriffen gesagt ist auf einer sozialen verstandenen Erdkugel jeder Ort Rand und Mitte zugleich. Da ist jeder Mensch bedürftig und potent zugleich. Entscheidend ist die Interaktion untereinander (und nicht etwa der gesellschaftliche Stand oder die wirtschaftliche Position).

Was ist «christlich»?

In den ständig neuen Nachbarschaften des Lebens ist mein Handeln an und für (oder gegen) die anderen das, was Christsein sichtbar und erfahrbar macht. Ganz besonders im Handeln an den Geringsten zeigt sich, ob Einzelne und eine Gesellschaft christlich sind – das heisst: an Christus orientiert. Auf das Tun kommt es an. Darum spricht Christus: «Was ihr einem dieser Geringsten (nicht) getan habt, habt ihr mir (nicht) getan.» Es soll kein Tun gegen andere, sondern ein Tun für andere sein.
Nicht an der Zahl der Kirchtürme, und nicht in der Abgrenzung von Andersgläubigen erweist sich eine christliche Gesellschaft, sondern in der Zuwendung zum «Nächsten», besonders in der Zuwendung zu den Geringsten. Eine christliche Gesellschaft definiert sich nicht durch Ab- und Ausgrenzung, sondern durch radikales Dasein für die Bedürftigsten. Paulus sagt es so: «Jeder trage die Last des anderen, so erfühlt ihr das Gesetz Christi» (Galater 6,2).

Was ist Gottes Wille?

Das kommt einer Umkehr gängiger Werte gleich. Nicht der eigene Wohlstand, das eigene materielle Heil stehen in einer christlichen Gesellschaft im Mittelpunkt, sondern das Wohl aller Menschen. Eine christliche Gesellschaft tendiert dazu, jeder Person das zu ermöglichen, was diese zu einem guten, anständigen und würdevollen Leben braucht. Im Gleichnis von den Taglöhnern im Weinberg (Matthäus 20,1-16), wo alle den Lohn für die Bedürfnisse eines Tags erhalten (1 Denar = Tagesbedarf einer kleinen Familie), ganz unabhängig davon, wie lange sie gearbeitet haben, ist genau das einer der springenden Punkte. Jeder Mensch braucht genug für ein würdevolles Leben. Gott will, dass es allen gut geht. Niemand darf dieses würdevolle Leben einem anderen missgönnen.
In einer christlichen Gesellschaft sind die Letzten die Ersten (Matthäus 20,16), bekommen die Geringsten den Fokus. Und die Starken, Potenten und Ersten reihen sich hinten ein, aus freien Stücken, weil sie verstehen, was Gottesliebe und Nächstenliebe bedeutet (Matthäus 22,37-40). Wer aus der Gnade und Liebe Gottes lebt, geht gütig mit allen Menschen um, ganz besonders mit den Geringsten. Sie und er liebt diese Nächsten wie sich selbst, lässt sie nahe an sich heran und drängt keinen Menschen an irgendeinen Rand.

Mehr braucht es nicht

Manche bezeichnen Menschen, die so handeln, mit dem abschätzig gemeinten Wort «Gutmensch». Der Vorwurf der Naivität steckt da auch drin. Aber «Gutes tun» hat nichts mit Naivität zu tun, sondern mit der umfassenden Ausrichtung auf Jesus Christus. Er will in jedem Menschen Heil erfahren. Das geschieht, wo wir einander gegenseitig die Lasten tragen. Mehr braucht es nicht für eine christlichen Gesellschaft. Aber auch nicht weniger.

Jörg Niederer

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