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Die Bäckerin, das Brot – und die Zahlstelle

4. Juni 2019

Stellen Sie sich einmal vor: Sie wissen um einen hungrigen Mann. Und Sie haben Geld in der Tasche. Was tun Sie? Kaufen Sie dem Mann ein Brot, oder geben Sie das Geld der Bäckerin, damit sie Brot backen kann – auch, aber nicht nur für diesen Menschen in Not?

Seit Jahren gibt die Zahlstelle der EMK in der Schweiz jeweils zum Jahresende einen Teil ihres Gewinns weiter. Sie könnte mal dieses diakonische Projekt unterstützen, mal jenes. Tut sie aber nicht. Vielmehr haben die Verantwortlichen beschlossen, die Gehälter der EMK-Pfarrer/innen im östlichen Mitteleuropa zu unterstützen. Im Vertrauen darauf, dass dieses Teilen nicht allein berührende Predigten und hilfreiche Bibelstunden bewirkt. Fünf Beispiele:

Erdzhan Madzharov ist Pfarrer der türkisch-sprachigen Gemeinde in Gorno Ezerovo (Bulgarien). Die Menschen in deren Umfeld kämpfen mit drei eng zusammenhängenden Problemen: tiefer Bildungsstand, hohe Arbeitslosigkeitsquote und miserable Lebensbedingungen. Die langfristig besten Perspektiven bietet ein Engagement im Bildungsbereich, wobei dies nicht nur die Vermittlung von Wissen umfasst, sondern auch Ermutigung im Blick auf das soziale Zusammenleben. Manchmal sieht sich Erdzhan Madzharov auch mit speziellen Themen konfrontiert. So sind zum Beispiel die meisten Menschen im Umfeld der Gemeinde nicht verheiratet, weil alleinerziehende Mütter mehr staatliche Unterstützung erhalten. Den Menschen ans Herz zu legen, ihre Haltung gegenüber der Ehe zu überdenken und Schritte hin zu einem offiziellen, stabilen und auf Treue angelegten Bund zu gehen, braucht viel Geduld und Weisheit.

Monika Zuber ist EMK-Pfarrerin in Masuren (Polen). Die im Nordosten des Landes liegende Region ist zwar längst kein touristischer Geheimtipp mehr, gilt aber noch immer als strukturschwach. Eine Arbeitslosenquote von knapp 30% zieht grosse soziale und materielle Armut nach sich. Das biblische Motto «Suchet der Stadt Bestes» wird in Ełk sehr konkret gelebt. Monika Zuber engagiert sich, zusammen mit ihrem Mann Dariusz, sehr vielseitig: in der Hilfe für Obdachlose, in Angeboten für Suchtkranke und ihre Familien, in der Durchführung von Wohltätigkeitskonzerten mit Kindergarten- und Schulkindern der Stadt, in der Organisation von Blutspende-Aktionen, in der Begleitung Betroffenen häuslicher Gewalt usw. Auch gemeinsam mit anderen Organisationen und der Stadt durchgeführte kulturelle und historische Anlässe machen deutlich: Da ist eine Gemeinde, die im Namen Gottes Gutes tut – mit den Menschen, für die Menschen.

Vladimir Fazekaš ist Pfarrer der EMK-Gemeinde in Šid (Serbien). 2018 begann er sich für und mit Migrant/innen zu engagieren. Ursprünglich waren diese vor allem aus dem Iran nach Europa gekommen, wollten über die «Balkan-Route» in die EU einreisen, wurden aber aufgegriffen oder konnten ihre Reise wegen der Grenzzäune und intensivierten Grenzkontrollen nicht mehr fortsetzen. Nun sind sie in einem nahegelegenen Lager untergebracht – auf unbestimmte Zeit und ohne Perspektiven. An Weihnachten erhielten 70 von ihnen die Erlaubnis für die Teilnahme an einer Weihnachtsfeier mit einem gemeinsamen Essen in der EMK Šid. Solche Begegnungen sollen auch in Zukunft stattfinden, und Vladimir Fazekaš hat zudem die Erlaubnis erhalten, das Lager zu besuchen, so oft ihm dies möglich ist. Er möchte diese Gelegenheit nutzen, den Menschen für ihren Weg den Zuspruch, die Kraft und die Hoffnung des Evangeliums weiterzugeben.

Jessica Morris Ivanova ist EMK-Pfarrerin in Schumen (Bulgarien). Weil die Region Schumen zu den vier Gebieten mit der landesweit höchsten Schulabbrecher-Quote gehört, hat die Gemeinde ein Zentrum für ausserschulische Hilfe eröffnet. Dort erhalten Kinder zwischen dem 5. und 7. Schuljahr nicht nur Lern-Unterstützung und Begleitung in anderen Fragen des Lebens. Für berufstätige Eltern ist das Zentrum auch ein wertvoller Ort, wo sie ihre Kinder gerade während der langen Sommerferien gut aufgehoben und liebevoll betreut wissen. Es ist bewegend, wenn selbst «schwierige» Kinder durch die Wertschätzung und Ermutigung, die sie erfahren, aufblühen und immer mehr auch für andere zu einfühlsamen Freunden werden. Dies hat eine so grosse Ausstrahlung, dass das Zentrum nicht alle Kinder aufnehmen kann, die dort gerne einen Platz fänden.

Kristóf Sztupkai ist Lokalpfarrer der EMK-Gemeinde in Budapest-Pest (Ungarn). Zu seinen Aufgaben gehört auch ein Dienst an der nahegelegenen Schola Europa, einer Mittelschule, deren Trägerin seit 2018 die EMK in Ungarn ist. Anfänglich begegneten ihm die Jugendlichen mit Zurückhaltung und Misstrauen. Wer braucht heute schon noch eine Kirche und Gott? Doch nach einigen Monaten begann die kritische Haltung zu bröckeln, und die jungen Menschen interessierten sich zunehmend für Antworten aus christlicher Sicht auf ihre Fragen des täglichen Lebens. Immer öfter kommt es nun auch vor, dass sie, nicht selten aus zerrütteten Familien stammend, von sich aus das Gespräch mit Kristóf Sztupkai suchen und um Rat für ihre spezifische Situation bitten. Eine Gebetsgruppe trägt die Arbeit in grosser Treue, Schülerinnen und Schüler nehmen an Veranstaltungen der Gemeinde teil (Gottesdienste, Lager), und die Beziehungen zu den Lehrpersonen vertiefen sich. Die EMK ist für die Schule längst mehr als nur ein frommes Mäntelchen.

Die Zahlstelle der EMK nimmt für sich in Anspruch, solidarisch zu sein. Und diese Solidarität vermag sogar in ungeahnter Weise Grenzen zu überwinden! Das Vertrauen, das Sie als Anleger/in hier investieren, weckt tatsächlich andernorts Hoffnung.