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Spiritualität mit Bodenhaftung. Anselm Grün an methodistischer Ausbildungsstätte

13. November 2019

Die mönchische Regel «Ora et labora» – «Bete und arbeite» diene der Realitätskontrolle der Spiritualität und bewahre vor der Flucht in die Grandiosität, sagte Benediktinerpater Anselm Grün am 8. November an einem Vortrag zum Thema: «Wege christlicher Spiritualität» an der Theologischen Hochschule der Methodist/innen in Deutschland.

Gleich in den ersten Sätzen gab Pater Anselm Grün eine klare Bestimmung des oft unscharf verwendeten Begriffs der «Spiritualität»: Sie sei das «Leben aus dem Geist». Und um es unmissverständlich zu machen, ergänzte er: «Das Leben aus dem Heiligen Geist». Das Ziel christlicher Spiritualität sei es, vom Geist Jesu durchdrungen zu werden. Der Weg zu einer solchen Spiritualität lasse sich durch Rituale erleichtern, ohne damit einer bedenklichen Werkerei anheimzufallen.

Tiefgründig und bescheiden

Pater Anselm Grün ist ein ungewöhnlicher Mensch: Etwa 300 Buchtitel sind von dem promovierten Theologen und Betriebswirt erschienen. Sie haben es auf eine Gesamtauflage von 14 Millionen Exemplaren gebracht, wenn man die zahlreichen Übersetzungen mitrechnet. Gleichwohl tritt Grün auf als ein einfacher Mönch aus dem benediktinischen Orden in Münsterschwarzach. An der Theologischen Hochschule Reutlingen, der Ausbildungsstätte der Methodist/innen im deutschsprachigen Raum, hat Grün vor einem interessierten Publikum einen begeisternden Vortrag gehalten. Sein Thema waren der Weg und die Bewegung des christlichen Glaubens. Dabei ging er von der berühmten Regel des Heiligen Benedikt aus: Ora et labora – Bete und arbeite!

Spiritualität mit Weltbezug

Anselm Grün erläuterte in seinem Vortrag die benediktinische Spiritualität in ihren Bezügen zur Mystik, zur gegenwärtigen Welt und zum gemeinschaftlichen Leben:
Christliche Mystik beschrieb er in enger Bezugnahme auf frühe Zeugnisse der Wüstenväter und anekdotischen Mönchsgeschichten. Mehrfach kritisierte er dabei den heute oft erkennbaren infantilen Wunsch nach eigener Grandiosität.
Im benediktinischen «ora et labora» verortete Anselm Grün den Impuls des christlichen Glaubens für Welt und Gesellschaft. Im Verdienen des Lebensunterhaltes wird auch den Menschen gedient, und dieser Dienst sei ein Test auf die Echtheit der Spiritualität. Es ist interessant, dass Benedikt über die Verherrlichung Gottes im Kapitel über die Arbeit spricht, nicht in dem über das Gebet.
Im Blick auf die Gemeinschaft hob Anselm Grün schließlich hervor, dass nach Benedikt der Glaube an Gott sich im Glauben an den Menschen ausdrücke. Dabei könnten Menschen sehr wohl verschieden sein, sich aber doch im gemeinsamen Lob Gottes zusammenfinden. Dieses gemeinschaftliche Lob Gottes übergehe nicht die Probleme der Welt, sondern geschehe gerade aus der Arbeit an den Problemen heraus und trage diese vor Gott.

Gelungener Auftakt

Abschließend gab der Benediktinerpater der grossen Zuhörerschar wertvolle konkrete Anregungen für das alltägliche Leben. Er betonte, dass Spiritualität die Verwandlung des Menschen zum Ziel habe und nicht eine menschengemachte Veränderung, die immer etwas Aggressives mit sich bringe: Der Mensch solle zunehmend vom Geist Jesu Christi durchdrungen werden.

Die benediktinische Spiritualität, wie Pater Anselm Grün sie in seinem Vortrag für die Gegenwart darstellte, ist ohne weiteres anschlussfähig für die methodistische Theologie, die ja ihrerseits auf Zeugnisse der frühen Kirche zurückgreift und die Aspekte der sozialen Heiligung und der christlichen Gemeinschaft betont. Der Vortrag war ein idealer Auftakt zur aktuellen Lehreinheit im berufsbegleitenden Masterstudiengang «Christliche Spiritualität im Kontext verschiedener Religionen und Kulturen», den die Theologische Hochschule Reutlingen jetzt bereits im dritten Jahr anbietet.

Christof Voigt, th-reutlingen.de
Beitragsbild: zVg Theol. Hochschule Reutlingen

Videomitschnitt des Vortrags

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