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Rassismus bei den Methodisten?

6. Juli 2020

Alles andere als eindeutig ist geschichtlich die Haltung auch der Methodist/innen bei Fragen des Rassismus. Eine live gestreamte Podiumsveranstaltung zeigte am 1. Juli einige Licht- und Schattenseiten dieser verworrenen Geschichte auf.

John Wesley, der Gründer der methodistischen Bewegung, wollte den Ureinwohner/innen Amerikas dienen und die Sklaverei abschaffen. Jahrzehnte nach seinem Tod war ein methodistischer Bischof ein Sklavenhalter, und ein methodistischer Geistlicher war für eines der schlimmsten Massaker an amerikanischen Ureinwohner/innen in der Geschichte der USA verantwortlich. Was war schief gegangen?

Führende methodistische Historiker/innen in den USA und andere Persönlichkeiten der Methodistenkirche diskutierten diese Fragen am 1. Juli in einer live gestreamten Podiumsveranstaltung. Darin versuchten sie die komplexe, bisweilen verschwiegene Geschichte der methodistischen Bewegung im Zusammenhang mit ethnischen Fragen und Rassismus zu beleuchten.

Ehrlicher Blick in die Geschichte

«Eine historische Perspektive gibt uns einen Einblick in die Art und Weise, wie die Kirche an kritischen Wendepunkten in unserer Geschichte reagiert hat», sagte Erin Hawkins, die Moderatorin des Podiums, gegenüber dem methodistischen Nachrichtenportal UM News. «Ich denke, es ist wichtig, die Zeiten zu betrachten, in denen wir uns der Herausforderung gestellt haben, und jene Zeiten, in denen wir hinter bereits vorhandene Einsichten zurückgefallen sind».

Hawkins leitet die «Kommission für Religion und Rasse» der Methodist/innen in den USA. Zusammen mit anderen Gremien und Kommissionen hatte diese das Forum organisiert.

Mutige Methodisten?

Die Podiumsteilnehmer waren sich einig darin, dass die methodistische Kirche in den USA – wie die Nation, in der sie zuerst gegründet wurde – eine verworrene Geschichte in Bezug auf Rassismus hat. «Anfangs waren die Schwarzen von der unerschütterlich mutigen Haltung der Methodisten gegen die Sklaverei angezogen und stolz darauf», sagte William Bobby McClain, einer der Podiumsteilnehmer. «Doch schon bald erlebten sie Schmerz und weinten über die methodistische Kompromissbereitschaft und ihre Teilhabe an der Unterdrückung.»

McClain ist emeritierter Professor für Verkündigung und Anbetung am United Methodist Wesley Theological Seminary in Washington. Er ist auch einer der Gründer von «Black Methodists for Church Renewal». Diese Gruppe setzte sich für die Gleichberechtigung der Schwarzen ein. Er wies darauf hin, dass Afroamerikaner im Methodismus bereits von Anfang an eine wichtige und führende Rolle spielten. Prediger wie «Black Harry» Hosier trugen dazu bei, das Evangelium und die Bewegung in den jungen Vereinigten Staaten zu verbreiten.

Struktureller Rassismus

Doch selbst dabei hinterliess die weisse Vorherrschaft ihre Spuren: Hosier musste auf seinen Reisen in der Kutsche oder Scheune schlafen, während seine weissen Gefährten im Haus schlafen konnten, sagte Pfarrer Alfred T. Day III, oberster Leiter der Kommission für Archive und Geschichte der Methodisten. Überall in den USA sei die Überzeugung vorherrschend gewesen, dass «Weisse» den «Schwarzen» überlegen seien.

1939 war durch die Zuordnung aller afroamerikanischen Methodist/innen zu einer eigenen «Konferenz» (Synode) die «Rassentrennung» zur offiziellen Kirchenpolitik erhoben worden. Erst 1968 wurden die entsprechenden Bestimmungen wieder gestrichen.

Methodist/innen könnten sehr stolz auf ihre einzigartig Botschaft von Gottes Liebe sein, die von allen in gleicher Weise erfahren und geteilt werden kann, sagte Day. Zu viele Weisse seien jedoch dieser zentralen Botschaft, die die Afroamerikaner/innen und Ureinwohner/innen Amerikas zuerst zum Methodismus hinzog, nicht gerecht geworden.

Gerechte Massaker?

Pfarrerin Lisa Dellinger aus Oklahoma ging speziell darauf ein, wie Christ/innen ihren Glauben nutzten, um die Vertreibung und sogar das Abschlachten von Ureinwohner/innen zu rechtfertigen. Die allgemeine Beschreibung Amerikas als «Neues Jerusalem» habe viele Siedler/innen dazu veranlasst, die Ureinwohner/innen wie die «Kanaaniter/innen» des Alten Testaments als Eroberungsobjekte zu betrachten.

Von den 1860er bis in die 1960er Jahre trennten christliche Missionar/innen systematisch bis zu 100 000 Kinder amerikanischer Ureinwohner/innen von ihren Familien und schickten sie weit weg von zu Hause in staatlich oder kirchlich geführte Internate. In diesen Schulen – darunter auch einige methodistsiche – wurden Jugendliche für das Sprechen ihrer Muttersprache bestraft, ihrer Habseligkeiten beraubt und in einigen Fällen missbraucht.

Rassismus abbauen

Neben dem Blick in die Vergangenheit beantworteten die Podiumsteilnehmer auch Fragen der Zuschauer/innen, wie man eine bessere Zukunft entwerfen könne. Dabei ging es um Fragen der Integration – und wer dabei aktiv werden müsse. Und es wurde diskutiert, wie eine nicht rassistische Kirche aussehen könnte.

Das Podium war Teil der Initiative der  us-amerikanischen Methodist/innen unter dem Titel «Rassismus abbauen: auf die Freiheit drängen». Vor dem Hintergrund der aktuellen Demonstrationen gegen Rassismus und mit einem Fokus auf der Situation in den USA wollen dabei verschiedene Veranstaltungen mithelfen, einen nachhaltigen Wandel in der Gesellschaft mit zu bewirken.

In der Schweiz hat jüngst Bischof Patrick Streiff in einem Beitrag einen Aspekt der methodistischen Geschichte zu Rassismus und Sklaverei beleuchtet. Zugleich schlug er einen Bogen zu der im November anstehenden Abstimmung über die «Konzernverantwortungsinitiative».

S.F. / Quelle: Heather Hahn, UMNews
Beitragsbild: Screenshot, YouTube

Livemitschnitt des Podiumsgesprächs

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Geschichtliches

Auseinandersetzungen über «Rasse» und Sklaverei führten früh und mehrfach in der Geschichte der Methodistenkirche in den USA zu Trennungen. So gründete 1816, 1821 und 1870 afroamerikanische Methodist/innen in den USA eigene methodistische Kirchen aufgrund rassistischer Vorurteile in der Methodistenkirche. 1845 führte die Frage der Sklaverei zu einer Spaltung der Methodistenkirche in den USA.

Als 1939 einige dieser Kirchen sich wieder vereinigten, wurde die Kirche in den USA in sechs Konferenzen (Synoden) eingeteilt. Die Aufteilung fand nach regionalen Kriterien statt – mit einer Ausnahme: Eine der Konferenzen wurde anhand ethnischer Kriterien entworfen. Sie umfasste die afroamerikanischen Methodist/innen im ganzen Land. De facto wurde auf diese Weise eine «Rassentrennung» eingeführt. Die Regelung blieb bis zur Gründung der heutigen «United Methodist Church» 1968 in Kraft.

Quelle: Britannica