Bezirk
Wie die Überbevölkerung begrenzen?

«Mit einer Zusammenarbeit über Grenzen hinweg ist viel mehr zu erreichen!»

15. August 2020

Löst die «Begrenzungsinitiative» die Herausforderungen, die sie aufzeigt? Nein, sagt Pfarrer Ernst Hug vom Ausschuss «Kirche und Gesellschaft» der Methodist/innen in der Schweiz. Mehr noch: Bei einer Annahme entstünden sogar noch neue Probleme. In seinen Überlegungen argumentiert Hug auch mit den Erfahrungen während des Lockdown.

Ein weltweit wirkendes Virus katapultierte uns in eine Zeit, die uns ausserordentliche Massnahmen abverlangt – und ungeahnt Zeit gibt, uns über die Rädchen unseres menschengemachten Weltgetriebes unsere Gedanken zu machen. Können wir zum Beispiel – je nach Wahrnehmung – unangenehme Auswirkungen der weltweiten Verflechtungen selbständig innerhalb unserer Landesgrenzen steuern, wie eine bald zur Abstimmung gelangende Initiative verlangt?

Aus Erfahrungen lernen

Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie wichtig frühzeitig verfügbare und verlässliche Informationen sowie partnerschaftliche Zusammenarbeit in Forschung und Logistik sind: internationale Zusammenarbeit für Studien und in der Herstellung notwendiger Produkte, in diesem Fall des fehlenden Impfstoffes; nicht durch Grenzen gehinderte Verteilung etwa von Beatmungsgeräten oder Desinfektionsmitteln.

Keine neuen Grenzen errichten

Als technologisch hochentwickeltes, gut diversifiziertes, aber rohstoffarmes Land brauchen wir in der Schweiz das genaue Gegenteil von neu hochgefahrenen Grenzen. Europäische oder gar weltweite Krisen können wir nur gemeinsam erfolgreich bewältigen. – Ein Ausstieg aus den bilateralen Verträgen mit der EU – und nichts anderes wäre die Konsequenz bei Annahme der «Begrenzungsinitiative» – wäre einer Lösung all dieser Fragen abträglich.

Faire Rahmenbedingungen schaffen

Vorausschauend mit Risiken umgehen, heisst, für gerechtere Rahmenbedingungen sorgen, und zwar im internationalen Massstab. Augenfällig ist das etwa bei den Erntearbeitern. Durch den unerwarteten Einreisestopp fehlten den Gemüsebauern in unserem Land die günstigen Arbeitskräfte aus Polen, Portugal oder Nordmazedonien … Aus Goodwill sprangen viele Schweizer/innen ein, die pandemiebedingt in ihren Tätigkeiten pausieren mussten. Das zeigt, dass mit entsprechender Motivation, also langfristig mit höheren Löhnen, die der Anstrengung entsprechen, auch vermehrt Einheimische für eine wertgeschätzte Erntearbeit gefunden werden können.Dass einwandernde Arbeiter/innen ohne «kontrollierte Grenzen» die Schweizer/innen vom Arbeitsmarkt verdrängen würden, kann nur behaupten, wer unangemessene und ungerechtfertigte Lohnunterschiede bewusst verschweigt.

Dass europäische Massnahmen gegen Lohndumping bisher weitgehend erfolglos waren, spricht nicht gegen solche Massnahmen. Es ruft vielmehr nach besseren und vor allem verbindlichen Absprachen. Wir sind nicht nur auf die bilaterale Zusammenarbeit angewiesen. Wir sollten vielmehr alles daransetzen, diese Abkommen im Verbund mit unseren internationalen Nachbar/ innen und Partner/innen zu verbessern. Gerade als Christ/ innen wollen wir Hand bieten, sowohl im Inland wie auch international breit abgestützte, ethisch verantwortete und für Arbeitnehmer/innen wie Arbeitgeber/innen faire Rahmenbedingungen zu etablieren.

Verkehr wirklich entlasten

Dass die Natur auch in unserem Land vielfach unter die Räder kommt, ist nicht von der Hand zu weisen. Stichworte: überlastete Verkehrswege – sowohl Strassen wie ÖV, vielerorten übernutzte und vergiftete Böden, wachsende Infrastrukturausgaben der öffentlichen Hand. Der stetig wachsenden Probleme sind viele. Sie erfordern konstruktive Lösungen.

Die Probleme sind jedoch nicht oder nur zu einem geringen Teil den Einwanderern geschuldet, sondern hausgemacht. Auch das führte uns die «Corona-Pause» vor Augen: Mit weniger Verkehr und Konsum verändern sich viele Belastungen der Natur schlagartig zum Bessern. Es zeigt sich der Wert und die Wirkung (!), wenn wir einen anderen Umgang des Wirtschaftens einzuüben bereit sind. Das ist nicht eine Frage der Nationalität oder staatlicher Grenzen, noch bilateraler Verträge.

Homeoffice ist in viel grösserem Umfang möglich und entlastet den Verkehr – der Beweis ist erbracht. Wir könnten noch so viele günstige Arbeitskräfte mit begrenzter Einwanderung steuern wollen, doch verkürzte Arbeitswege durch vermehrtes Homeoffice und ein gemässigteres Einkaufverhalten bringen für die Verkehrsentlastung eindeutig mehr.

Überbevölkerung eingrenzen

Schliesslich wird noch die Überbevölkerung für das Anliegen der Begrenzung und des Rückzugs auf die eigene Nation ins Feld geführt. Ein nur zum Schein ökologisch bemänteltes Argument. Erstens ändert sich nichts an der gesamten Zahl, ob die Bevölkerung diesseits oder jenseits einer gezogenen Grenze lebt. Zweitens zeigen Geschichte und Gegenwart, dass national fokussierte Politik ein eigenes Bevölkerungswachstum eher befeuert als begrenzt. Hingegen hat sich überall das Bevölkerungswachstum markant verflacht, wo für Bildung und Toleranz gesorgt und der Wohlstand gerechter verteilt wurde.

Gemeinsam statt gegeneinander

Alle Erfahrungen in allen Punkten, sei es die Entwicklung gerechter Löhne, die Vermeidung von hoher Arbeitslosigkeit oder von Verkehrsproblemen, der Schutz von Luft- und Bodenqualität, sprechen dafür, dass mit einer verantworteten und wertschätzenden Zusammenarbeit über alle Grenzen hinweg viel mehr zu erreichen ist, als über eine Begrenzung und nationale Einigelung.

Als Christ/innen teilen wir über alle Grenzen hinweg die Erwartung, dass das Reich Gottes sich realisiert «wie im Himmel so auf Erden». Unser tatkräftiger Einsatz vereint uns, dafür Sorge zu tragen, dass aus unserem wunderbaren Aufenthaltsort im Universum ein Ort wird, an dem Frieden und Gerechtigkeit wohnen können. Der Versuch, sich nur mit einem Rettungsbötchen Schweiz zu begnügen, scheint mir um Nummern zu klein.

Ernst Hug, Ausschuss «Kirche und Gesellschaft»
Beitragsbild: Eak K., Pixabay.com

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