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Diakonie in Zeiten von Corona in Nord-Mazedonien

Januar 12, 2021

Das Jahr 2020 verlangte den Verantwortlichen des Miss-Stone-Zentrums in Strumica (Nord-Mazedonien) viel ab. Trotz hoher Fallzahlen konnte die diakonische Einrichtung der Methodistenkirche aber ohne Unterbruch mehr als 200 Menschen versorgen. Und sie tut das auch weiterhin.

Covid-19 veränderte das Leben vieler Menschen in Nord-Mazedonien. Die Sterblichkeitsrate des Landes erhöhte sich massiv, denn die Pandemie überforderte das Gesundheitssystem. Nicht nur an Covid-19, sondern auch an anderen Krankheiten starben mehr Menschen als sonst. In den Krankenhäusern gab es schlicht keinen Platz für sie und sie konnten nicht richtig behandelt werden.

Essen auf Räder rollt weiter

In der zweiten Hälfte des Jahres 2020 musste auch bei den Begünstigten des Programms «Essen auf Rädern» des methodistischen Miss-Stone-Zentrums eine erhöhte Todesrate verzeichnet werden. Gleichzeitig wuchs jedoch auch die Warteliste von hilfsbedürftigen Menschen ständig an. So erhalten weiterhin 170 Menschen in Strumica und 50 in Radoviš täglich eine vollwertige Mahlzeit (Suppe, Hauptmahlzeit und Dessert oder Salat) durch die Mitarbeitenden des Miss-Stone-Zentrums.

Angesichts vieler Risiken und Unwägbarkeiten ist es keineswegs selbstverständlich, dass das Programm letztes Jahr nicht für einen einzigen Tag unterbrochen werden musste – trotz Ausgangssperren und sonstiger Einschränkungen. Die Verantwortlichen versuchen, den direkten Kontakt mit den Menschen soweit als möglich zu vermeiden und ihnen das Essen ans Fenster oder vor die Tür zu stellen. Aber es gibt natürlich auch jene Menschen, die bettlägerig sind. Ihnen wird das Essen auch jetzt noch ans Bett gebracht – natürlich unter Berücksichtigung aller nötigen Schutzmassnahmen.

Fussmarsch für Essen und Kleidung

Aufgrund der Pandemie sind Ansammlungen von Gruppen in Nord-Mazedonien nicht erlaubt. Daher musste in Radoviš das Konzept der Essensausgabe geändert werden. In der Vergangenheit hatten die Begünstigten ihr Essen in angemieteten Räumlichkeiten erhalten. Dort hatten sie auch die Möglichkeit, sich bei Kaffee und Tee aufzuwärmen und auszutauschen. Nun müssen sie einzeln und zu vorher vereinbarten Uhrzeiten kommen. Sie erhalten die verpackte Mahlzeit vor der Tür. Zusätzlich besteht für sie in der Winterperiode die Möglichkeit, ein warmes Kleidungsstück mitzunehmen.

Wie wichtig dieser Dienst ist, zeigt das Beispiel von Mile S.. Er stammt aus einem Dorf bei Radoviš und hat eine sehr traurige Lebensgeschichte. Nach dem Tod seiner Eltern hatten seine Geschwister das elterliche Haus verkauft und ihn auf die Strasse gesetzt. Die neuen Hausbesitzer hatten Mitleid mit ihm und überliessen ihm ein Zimmer. Einige Jahre später verliess ihn allerdings seine Frau mit dem gemeinsamen Kind, weil sie von den miserablen Lebensumständen genug hatte. Daraufhin geriet Mile in eine schwere Depression. Sein psychischer Gesundheitszustand verschlechterte sich rapide. Heute legt Mile S. jeden Tag den neun Kilometer langen Weg nach Radoviš zu Fuss zurück, um Nahrung oder auch einmal ein Kleidungsstück zu erhalten.

Grosse Einschränkungen bei Hauskrankenpflege

Unter den diakonischen Hilfsprojekten des Miss-Stone-Zentrum ist die Hauskrankenpflege am stärksten von der Covid-19-Situation betroffen. Bei diesem Dienst kann die eigentlich vorgeschriebene räumliche Distanz gar nicht eingehalten werden. Wenn die Verantwortlichen den Menschen helfen möchten, müssen sie zu ihnen in die Wohnung gehen. Umso wichtiger ist eine gute Ausstattung an Schutzkleidung. Der Dienst für diese alten, bedürftigen, kranken und bettlägerigen Menschen umfasst Hilfe im Blick auf die Körperhygiene, medizinische oder pflegerische Anliegen, Arbeiten im Haushalt sowie Einkäufe und sonstigen Botengänge. Für die Begünstigten ist diese Hilfe unschätzbar wichtig. Zumeist haben sie entweder keine Verwandten und Freunde, die ihnen helfen würden, oder diese wohnen weit weg – oft im Ausland.

Platzmangel in der Schule

Zur Arbeit des Miss-Stone-Zentrums gehört auch die Schule für Romakinder in Ohrid. Nachdem der Unterricht wegen des Corona-Lockdowns für drei Monate hatte ausgesetzt werden müssen, konnte die Sommerschule für Romakinder vom 1. Juni bis 31. August durchgeführt werden. Trotz grosser organisatorischer Herausforderungen wegen der Hygienevorschriften war es den Verantwortlichen dieser Sommerschule ein Anliegen, mit den Kindern den Stoff der verlorenen Schulzeit vom Frühjahr nachholen zu können. Leider konnten aus Platzmangel kaum zusätzliche Kinder aufgenommen werden, obwohl die Nachfrage aufgrund fehlender vergleichbarer Angebote sehr gross war. Zuletzt nahmen 22 Kinder in vier Altersgruppen teil. Sie mussten viel nacharbeiten und lernen, hatten aber auch ihren Spass. Am 1. September 2020 begann ein neues Schuljahr. Neue Erstklässler wurden aufgenommen, und ein Junge, der sich sehr gut entwickelt hatte, konnte mit grosser Freude an eine höhere Schule verabschiedet werden.

Trotz Vorbehalten wieder offen

Die ebenfalls in Ohrid angesiedelte Beratungsstelle für Roma-Mädchen musste hingegen während eines halben Jahres geschlossen bleiben. Es war schlicht nicht möglich, die Mädchen in kleine Gruppen aufzuteilen und öffentliche Vorträge abzuhalten. Es gab auch keine Fachleute, die sich zu einem Engagement bereit erklärt hätten. Am 1. September 2020 wurde auch diese Beratungsstelle wieder geöffnet – allen Vorbehalten zum Trotz. Für die Mädchen, die zuhause meist unter miserablen Bedingungen leben, ist dieses Angebot von grösster Bedeutung. Sie erfahren dort bedingungslose Annahme sowie konkrete Lebenshilfe, und es werden ihnen neue Perspektiven eröffnet.

Die Covid-19-Pandemie wird auch das Jahr 2021 prägen. Dass das Miss-Stone-Zentrum weiterhin ein Ort der Verlässlichkeit inmitten der Ungewissheit sein will, ist für viele Menschen ein Grund zur Hoffnung.

Urs Schweizer, Assistent des Bischofs
Bild: zVg


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