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Philippe Goold

«Wir wollen Wege finden, wie wir gemeinsam Kirche sein können»

21. Juni 2021

Während der Tagung der Jährlichen Konferenz (Synode) Schweiz, Frankreich, Nordafrika hatten Delegierte zum vom Vorstand vorgelegten «Szenario Kaleidoskop» zwei Anträge eingereicht. Diese wurden am Samstagnachmittag als letztes Traktandum behandelt.

Mit dem von einer Spurgruppe ausgearbeiteten «Szenario Kaleidoskop» legte der Vorstand ein Modell vor, mit dem die Einheit der Methodistenkirche im Gebiet der Jährlichen Konferenz bewahrt werden kann, obwohl in der Beurteilung von Fragen der menschlichen Sexualität unterschiedliche Einschätzungen zu finden sind. Bereits am Donnerstag und Freitag hatten die Delegierten in thematischen Schwerpunkten über das Szenario diskutiert. Zwei Anträge von konservativer Seite gingen danach bei Bischof Patrick Streiff ein. Die Delegierten diskutierten über diese am Samstagnachmittag.

Koordinationsperson beantragt

Pfarrer Hans Eschler stellte den Antrag, dass der Vorstand der Jährlichen Konferenz eine «Koordinationsperson» einsetzt, die «proaktiv» die Anliegen der traditionell denkenden Kirchgemeinden, Methodist:innen und Pfarrer:innen koordinieren soll. Ziel sei es, «diesen Menschen mehr Sicherheit zu geben, dass sie mit ihrer traditionellen Grundhaltung in der EMK Schweiz willkommen sind und dabei auch unterstützt werden.»

Vorstand benennt Person

Roland Affolter, Co-Präsident des Vorstands, bedankte sich für den Antrag. Der Vorstand habe ein solches Vorgehen als nächsten Schritt geplant. Stefan Schnegg, ein nichtpastorales Vorstandsmitglied, sei bereit, die geforderte Koordinationsrolle zu übernehmen. – Nach einer kurzen klärenden Rückfrage stimmten die Delegierten dem Antrag mit grosser Mehrheit zu.

Klarheit schaffen

Ein weiterer Antrag wurde von Luc Brinkert eingebracht. Er beantragte, dass die Delegierten in einem Votum die bisherige, ablehnende Haltung gegenüber der praktizierten Homosexualität bestätigen, wie sie in den Texten der Kirchenordnung formuliert und durch die ausserordentliche Generalkonferenz 2019 bestätigt und verschärft worden sind. In seiner Begründung sagte der Antragssteller, es sei wichtig «zu sehen, wo wir stehen» und «wie sich die Mehrheit der Delegierten in diesen Fragen einordnet».

Offenheit bewahren

Der Vorstand habe sich mit dem Antrag auseinandergesetzt, sagte Roland Affolter in seiner Antwort auf den Antrag. Er legte den Delegierten einen Gegenantrag des Vorstands vor. Dieser beantragte darin, die Zeit bis zur Entscheidung der übergeordneten Gremien dafür zu nutzen, «mit Menschen und Gemeinden mit verschiedenen Überzeugungen zur Ehe, der menschlichen Sexualität und dem pastoralen Dienst einen gemeinsamen Weg zu finden.» Rechtsverbindliche Beschlüsse seien aktuell ohnehin nicht möglich.

Konsternierte Reaktion

Pfarrer Antoine da Silva eröffnete mit seinem Votum die Diskussion. Er sei konsterniert über dieses Vorgehen. «Wir möchten nicht den Sünder verurteilen», sagte er. «Wir möchten Heiligkeit leben. Für mich, für uns ist die Homosexualität eine Zerstörung der Person und der Gesellschaft.»

Nur zur Sache!

Auf dieses erste Votum reagierte Stefan Ilg mit einem Ordnungsantrag: Zugelassen werden sollten nur noch Voten, die sich inhaltlich mit den Anträgen befassen. Für die theologischen Grundsatzfragen sei dies weder die richtige Zeit noch der richtige Ort. – Die Delegierten stimmten diesem Ordnungsantrag mit 14 Gegenstimmen zu.

Ungerechtes Verfahren?

Philippe Goold, ein Laie mit pastoraler Beauftragung, sagte, der Antrag stehe der Kirchenordnung entgegen. Das Vorgehen widerspreche dem Kirchenrecht, weil Personen aus Frankreich von der Abstimmung ausgeschlossen würden. – Den Hintergrund des Votums erläuterte Bischof Patrick Streiff: Abstimmen könnten nur Personen, die sich offiziell angemeldet haben. Einige Delegierte aus Frankreich hätten sich ursprünglich nicht für die Tagung registriert. Erst jetzt, kurzfristig vor dieser Abstimmung, hätten sie sich angemeldet. Er habe entschieden nur die zuzulassen, die sich offiziell angemeldet hatten.

Gespräche nicht blockieren

«Weshalb dieser Antrag?», fragte Pfarrer Simon Zürcher. Er sagte, er hätte spannend gefunden, über den Hauptantrag abzustimmen. – «Wir wollen Wege finden, wie wir gemeinsam Kirche sein können», erläuterte Roland Affolter. Der ursprüngliche Antrag fordere, Position zu beziehen. «Wenn diese hart bezogen sind, wird es immer schwieriger, Gespräche zu führen.» Auch die Art und Weise, wie der Antrag formuliert sei, könne zukünftige Gespräche blockieren.

Die Bibel als Basis

In einem Abänderungsantrag forderte Pfarrer Joel Dejardin, dass die einleitende Wendung «In Treue zur biblischen Lehre» gestrichen werde. Karin Kübler sprach sich dafür aus, diesem Antrag zu folgen. «Mit der Bibel hin und her einander um die Ohren zu schlagen, finde ich nicht hilfreich.» Distriktsvorsteherin Claudia Haselbacher widersprach: Diese Begründung sei sehr bewusst gewählt worden. «Die Diskussion zwischen einigen Personen in Frankreich und hier geht genau um diese Frage: Kann man aufgrund der biblischen Lehre unterschiedliche Meinungen haben zu diesen Fragen» erläuterte sie. Eine Streichung könnte so interpretiert werden, dass diese Vorgehen nicht auf biblischer Basis erfolge. –Mit 119 Ja-Stimmen und 14 Nein-Stimmen nahmen die Delegierten dem Gegenantrag klar an. Der Hauptantrag entfiel daher.

Betroffene kommen nicht zu Wort

Im Anschluss an die Debatte brachte Christine Schneider in einem persönlichen Votum ihre Sorge zum Ausdruck. Die Stimme der Betroffenen sei in der ganzen Debatte nicht vorgekommen. «Wenn wir sagen, dass ihre Art zu sein sündhaft sei, dann kostet uns das nichts. Für uns gehört alles weiter wie gehabt.» Anders die Betroffenen. «Die zahlen einen hohen Preis.» Beispielhaft erzählte sie von einer lesbischen Frau aus der eigenen Gemeinde, die sich erst nach langer Zeit outete. «Habt die anders lebenden Menschen vor Augen! Sprecht nicht einfach theoretisch! Redet mit ihnen! Hört ihnen zu», forderte Schneider die Delegierten auf.

Sie nehme in der Methodistenkirche die Angst wahr, dass traditionell denkende Menschen und Gemeinden gehen könnten, «wenn wir eine Spur offener werden». Sie appellierte an die Delegierten: «Nehmen wir auch diejenigen in den Blick, die den Preis dafür zahlen, dass sie nicht bedingungslos willkommen sind!»

S.F.
Beitragsbild: Philippe Goold sieht Verfahrensfehler im Abstimmungsprozess (Foto: EMK Schweiz, S.F.)

Infoseite «Jährliche Konferenz»

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