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Bild: Prof. Dr. Andreas Kaplony

Was Christen und Muslime verbindet und unterscheidet

10. Mai 2022

In einem neuen Gottes­dienst­format der Metho­disten­kirche in Winter­thur nehmen Fach­personen kon­trovers dis­kutierte Themen auf und zeigen die Hinter­gründe. Am 8. Mai war An­dreas Kap­lony zum Thema «Islam» zu Gast.

In der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Islam drängen sich gerne Aspekte der Polarisierung in den Vordergrund: Wie tolerant soll der Westen sich gegenüber einem als aggressiv erlebten Islam verhalten? Ist Europa durch die Erstarkung des Islams bedroht? Am dritten 🔗Zytgeistlich-Gottesdienst der 🔗Methodistenkirche in Winterthur am 8. Mai blickte Professor Dr. Andreas Kaplony aus Kilchberg, Professor für Arabistik und Islamwissenschaft an der Ludwig-Maximilian-Universität in München, hinter und unter diese überhitzten Aussagen.

Mehr als eine Antwort

Schon als junger Mann hatte Andreas Kaplony Arabisch gelernt. So begann seine Faszination für die arabische Welt. In seinen Ausführungen wurde immer wieder deutlich, dass es ganz selten Antworten des Islam an sich gibt, sondern innerhalb des Islam ganz verschiedenen Pfade und Konzepte.

Verantwortlich leben

Ein erster Themenkreis, der im «Zytgeistlich» beleuchtet wurde, war die Frage nach dem, was Islam und Christentum verbindet. Folgende Punkte sah der Referent als bedeutsam an: Das Leben ist von Gott verliehen. Menschen sind Geschöpfe. Sie sind nicht Besitzer ihres Lebens. Eines Tages werden sie zu Gott zurückkehren und Rechenschaft ablegen müssen, wie sie gelebt haben. Dieses Bewusstsein gibt dem Leben eine gewisse Ernsthaftigkeit.

Von Muslimen lernen

Wo sind Muslime manchmal den Christen voraus, was könnten wir von ihnen lernen? Andreas Kaplony anerkannte, dass Muslime gerne recht selbstbewusst und normal von ihrem Glauben reden, während Christen oftmals eher «vermurkst» dazu stehen, dass sie am Sonntag in der Kirche waren, dass sie beten oder dass in einer christlichen Freizeit waren.

Unterschiede benennen

Wo liegen die grössten Differenzen im Gottesverständnis von Muslimen und Christen? Professor Kaplony verwies hier auf die Inkarnation Gottes in Jesus. Dass Gott einen Sohn hat, dass Gott diese Welt so liebt, dass er selbst in Menschengestalt in die Welt eingeht, seien Aussagen, die für Muslime undenkbar, unsagbar, ja gar lästerlich seien. Ob Jesus eine göttliche Gestalt war oder ob er eher ein besonderer Mensch war, diese Frage sei wohl die trennendste zwischen den beiden Religionen.
Christen und Muslime hätten zudem einen anderen Zugang zu den Brüchen im Leben und zu den Themen Vergebung und Neuwerdung. Während es für Muslime ein wichtiger Aspekt sei, innerhalb der göttlichen Ordnung zu leben und sich zum Leben als Muslim zu bekennen, sei der Vergebung und immer wieder neu anfangen zu dürfen für die Christen im Zentrum.

Beziehung muss wachsen können

Für die Beziehung zwischen Christen und Muslimen hob Andreas Kaplony drei Punkte hervor:
Zum einen betonte er, dass echte Gesprächen viel Zeit bräuchten. Die Vorstellung, in 20 Minuten oder einer Stunde einen interreligiösen Dialog zu führen, und nur im Ansatz zu meinen, den anderen zu verstehen, sei sinnlos. Es brauche viel Zeit, Monate, Jahre, in denen man sich kennen und verstehen lernt.
Weiter unterstrich er: Gespräche zwischen Menschen verschiedener Religionen funktionierten nur, wenn sie nicht öffentlich sind, sondern freundschaftlich, also in einem vertrauten Rahmen stattfinden. Öffentlichkeit störe den Beziehungsaufbau.
Es brauche schliesslich laut Kaplony den Mut, auch Trennendes anzusprechen. Eine wertschätzende Haltung, gutes Zuhören und ähnliches mögen wichtig sein. Doch es solle auch benannt werden, was trennt, wo man sich uneins ist.

Miteinander beten?

Nach dem Gottesdienst stellte sich der Referent noch einer Fragerunde aus dem Publikum: Wie ist das nun genau mit der Vergebung bei den Muslimen? Ist die Rolle als Frau, die Muslimas einnehmen dürfen, eher von der Religion, sprich vom Koran oder eher stärker von der Kultur geprägt? Aus welchen Quellen hat Mohammed geschöpft, als er seinen neuen Glauben begründet hat? Weshalb gehen manche Konflikte zwischen Sunniten und Schiiten so tief?
Einige Gemeindeglieder der Methodistengemeinde berichteten von jahrelangen Begleitungen von Flüchtlingen aus Afghanistan und auch über die Schwierigkeit, tiefer über Glaubensfragen zu sprechen.
Eine letzte Frage bezog sich dann das interreligiöse Beten. Hier riet der Referent eher überraschend zu viel Zurückhaltung. Er finde es ehrlicher und kraftvoller, nebeneinander zu beten, etwa bei Kriegen oder in Krisen, die alle betreffen, statt miteinander zu beten, weil ich dann jede und jeder stark zurücknehme, um den anderen nicht brüskieren.

Stefan Zolliker / S.F.
Beitragsbild: Michael Brunner

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Zytgeistlich-Gottesdienst

Die Arbeitsgruppe der Methodist:innen in Winterthur, die dieses neue Gottesdienstformat ins Leben gerufen hat, versteht das Angebot so: «Fragen, die uns der ‹Zeitgeist› zuspielt, sollen geistlich beleuchtet werden. Es gibt einige Themen, die sind ziemlich aktuell und heiss: Neuere Fragestellungen, die keine einfachen Antworten zulassen; die sich in Dilemmasituationen zeigen. Wir fragen, was uns Gottes Geist dabei sagen will, wie wir diese Herausforderungen geistlich deuten könnten.» Die ersten ‹Zytgeistlich-Gottesdienste› standen unter den Themen «Klima» und «Organtransplantation».