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Bild: Junge Delegierte signalisieren Dissens

Wird die Stimme der jungen Delegierten beim ÖRK überhaupt gehört?

7. September 2022

Die jungen Delegierten an der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen sind deutlich unterrepräsentiert. Das wollten sie ändern. Doch die Möglichkeiten, ihr Anliegen vorzubringen, wurden stark beschnitten. Unmut und Enttäuschung sind gross. Ein «Konsens» sei das jedenfalls nicht, sagen sie.

«Die Vollversammlung 2022 des Ökumenischen Rates der Kirchen weist ein ernsthaftes demokratisches Defizit auf. Sie gibt vor, ein Konsensverfahren anzuwenden, ohne den Delegierten ausreichend Zeit zu geben, die anstehenden Themen zu diskutieren, um einen Konsens zu erzielen», so lautet die harsche Analyse des methodistischen Bischofs Christian Alsted, die er am 6. September nach der Geschäftssitzung in Karlsruhe 🔗auf Facebook postete.

Die methodistische Pfarrerin Sarah Bach, die zu den🔗 jungen Delegierten der Vollversammlung gehört, pflichtet Bischof Alsted bei: «Er hat gut und präzise beschrieben, was das Problem ist.» Der demokratische Prozess weise eklatante Probleme auf.

Keine Zeit zur Vorbereitung

«Das eine Problem sind die kurzen Zeiten zur Vorbereitung», sagt Sarah Bach. Dokumente, die im Plenum besprochen werden sollen, seien erst wenige Stunden davor verfügbar. Doch das sei kaum freie Zeit. Die Delegierten hätten vom Programm her vorgegebene Verpflichtungen. «Dennoch haben wir nur wenige Stunden, um Vorschläge einzubringen.»

Keine Zeit für Stellungnahmen

Dazu kamen limitierte Redezeiten während der Geschäftssitzung. «Bisher waren es drei Minuten. Ab heute waren es nur noch zwei Minuten, die wir zu einem Thema sprechen konnten», erläutert Sarah Bach. Und dann sei auch noch die Zahl der Personen, die sprechen dürfen, reduziert worden. Offiziell vorgesehen seien am Dienstag nur noch fünf gewesen, reden durften dann jedoch nur noch drei oder vier, am Ende nur noch zwei Personen. «Das ist einfach kein demokratischer Prozess. Das ist nicht befriedigend.»

Markant zu wenige Vertreter:innen

Bereits in der Vorversammlung der Jungen war grosser Unmut darüber vorhanden, dass sie bei den Delegierten an die Versammlung zahlenmässig markant unterrepräsentiert sind. «Statt der angestrebten 25% von jungen Delegierten an der Vollversammlung haben wir nur 12% hier.» Damit aber nicht genug. Auch im neu zusammengesetzten Zentralausschuss werden nur 13% Junge sein statt der angestrebten 25%.

Die Jungen bereiten sich vor

Das wollten die jungen Delegierten mit Voten zum Thema machen. Sie haben sich trotz des engen Zeitplans organisiert. «Wir waren den ganzen Tag dran und haben Statements vorbereitet für die Geschäftssitzung.» Rund 30 junge Delegierte trafen sich den Tag durch , um drei gemeinsame Statments à je zwei Minuten vorzubereiteten, die drei Personen im Namen aller vortragen sollten.

Die Zeit ist um

Doch dem wurde kein Raum gegeben. Statt dass Zeit eingeräumt worden wäre für solche Kommentare, wurde der gesamte Berichte vorgelesen. «Im Plenum wurde also ein sechsseitiges Dokument laut vorgelesen – und danach argumentiert, jetzt habe man keine Zeit mehr für Kommentare. Die Zeit sei abgelaufen, weil für die Geschäftssitzung ja nur eineinhalb Stunden vorgesehen seien», erzählt Sarah Bach wütend.

Lautstarker Protest

Nur eines der Statements konnten die jungen Delegierten regulär einbringen. Ein zweites mussten sie sich erkämpfen, als die Moderatorin die Geschäftssitzung eigentlich schon für beendet erklären wollte. «Da haben wir von hinten her laut protestiert, laut ins Plenum hinein gerufen: ‹Das geht nicht! Ihr könnt doch nicht einfach die Sitzung beenden, wenn noch Leute an den Mikrofonen stehen! Wenn Leute ihre blaue Karte hochhalten – also Dissens markieren!›»

«Wir werden nicht gehört!»

Die Reaktion der Moderatorin brachte für die jungen Delegierten das Problem ungewollt auf den Punkt. «Die Moderatorin vorne fragte, was wir hinten denn sagen würden. Sie könne uns vorne nicht hören: ‹I can’t hear you!›» Darauf antworteten die jungen Delegierten: «Das genau ist das Problem: Wir werden hier nicht gehört. Es wird uns kein Raum gegeben.»

Konsens konnte nicht entstehen

So behandelt zu werden, sei extrem frustrierend. «Unsere Stimme wird hier nicht gehört. Es wird kein Raum geschaffen für diese Stimme», fasst Sarah Bach die Erfahrungen zusammen. Dann auch noch zu behaupten, alle Entscheidungen basierten auf einem Konsens, sei zusätzlich frustrierend. «Wenn keine Zeit zur Debatte gegeben wird, dann kann man auch nicht sagen, dass man einen Konsens erzielt habe!»

Stimmen stärken?

Der Eindruck, der bei den jungen Delegierten wie Sarah Bach zurückbleibt, ist, dass die wichtigen Entscheidungen hinter verschlossenen Türen getroffen werden – ohne die Jungen. «Zugleich sagen sie uns, sie wollen unsere Stimme stärken.» Das sei schon fast zynisch.

Es zeichne sich ab, dass wohl auch an der nächsten Vollversammlung die jungen Delegierten sich nicht einfach auf die Kernthemen der Tagung werden konzentrieren können, sondern sich noch einmal mit den Fragen der Repräsentation werden befassen müssen. «Das hätten wir der nächsten Generation gerne erspart. Im Moment habe ich da jedoch keine grossen Hoffnungen.»

Eine Lösung zeichnet sich ab

Ungehört blieben die Stimmen der jungen Delegierten nicht. Nach dem Ende des offiziellen Programms konnten sie mit der Berichtsgruppe noch einmal zusammensitzen. Diese Berichtsgruppe wird die Empfehlung abgeben, das ganze Statement der jungen Delegierten dem neuen Zentralausschuss als Mandat zu übergeben. «Das heisst, der neue Zentralausschuss muss sich mit den von uns gemachten Forderungen auseinandersetzen und dazu in ihrer Arbeit und ihrem Bericht an die nächste Vollversammlung Stellung beziehen», erklärt Sarah Bach. «Das ist ein schönes Ergebnis, und wir freuen uns, dass so Lösungen gefunden werden konnten.»

S.F.
Beitragsbild: Junge Delegierte signalisieren Dissens und geben ein Statment ab. (Foto: Albin Hillert / WCC)

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Mit Sarah Bach die Vollversammlung erleben

Sarah Bach, methodistische Pfarrerin aus der Schweiz, nimmt als Delegierte an der Vollversammlung in Karlsruhe teil. Impressionen von und Gedanken zur dem, was sie an der Vollversammlung erlebt, teilt sie auf ihrem 🔗Instagram-Account.

Ein Video mit grundsätzlichen Gedanken zur Ökumene und mit Beispielen aus der Vollversammlung hat sie am 4. September auf den 🔗YouTube-Kanal der Methodistenkirche in Schwarzenburg laden.

Auf ihrem 🔗Blog hat sie bereits einen Beitrag zur Vollversammlung vorab veröffentlicht. Während oder nach der Tagung werden dort weitere Beiträge erscheinen.

In einem kurzen Video der 🔗EKS auf twitter sagt Sarah Bach, was sie aus der Versammlung mitnimmt.

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