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Bild: Ikone «auferstehugnsleicht»

Proviant für Suchende und für wortlose Zeiten

8. September 2022

Am 15. November 2022 wäre der Künstler und Theologe Josua Boesch 100 Jahre alt geworden. Wanderausstellungen, ein Dokumentarfilm und ein Vokalwerk laden ein, den Künstler (neu) zu entdecken. Unter anderem in der Methodistenkirche in Horgen wird vom 25. September an eine Ausstellung zu sehen sein. Pfarrer Andreas Schaefer sagt, wie es dazu kam – und worin Werk und Person von Josua Boesch wichtige Impulse geben können.

Wie kam es, dass ihr Station dieser Ausstellung geworden seid?

In einem glücklichen Zufall sind verschiedene Dinge zusammengekommen. Zum einen gibt es bei uns mehrere Personen, die – teils schon länger – mit Josua Boesch verbunden waren. Ausserdem habe ich gemerkt, dass es hier in Horgen bei den Reformierten ebenfalls Interesse und auch Möglichkeiten gibt. So sind wir bei einer Sitzung mit den Leuten vom 🔗Verein Josua Boesch zusammengesessen und haben ein schönes Dreierpaket zusammengeschnürt. Nun wird hier am 1. Oktober das 🔗Vokalwerk «Der Auferstehungsweg» in der reformierten Kirche uraufgeführt werden. Vom 25. September bis zum 7. Oktober wird bei uns 🔗in der methodistischen Kirche eine Wanderausstellung zu sehen sein. Und am 28. September wird der 🔗Dokumentarfilm von Luke Gasser über Josua Boesch im reformierten Kirchgemeindehaus gezeigt. Über zwei Wochen verteilt haben wir so ein Angebot mit mehreren Zugängen.

Was wird an der Ausstellung zu sehen sein?

Es sind zwei Ausstellungen, die parallel unterwegs sind. Eine davon kommt in Horgen vorbei. Bei uns werden drei Glasvitrinen und siebzehn Werke, darunter mehrere bekannte Ikonen, zu sehen sein. Ein kleiner Ausstellungsführer und Material zum Einsehen wird auf Tischen zu finden sein. Und auch ich selbst bin dort und kann einiges beitragen, erzählen oder Hinweise geben. Ausserdem gibt es zweimal eine Kurzandacht über eine Ikone hier im Haus.

Warum lohnt es sich, Josua Boesch (neu) zu entdecken? Welche Impulse für eine Spiritualität im 21. Jahrhundert gehen Deiner Meinung nach von ihm aus?

Josua Boesch ist ein Mensch des 20. Jahrhunderts. Dennoch habe ich den Eindruck, er ist auch irgendwie ein Christenmensch des 21. Jahrhunderts. Er hat Unterschiedliches miteinander verbunden – und das finde ich faszinierend für das 21. Jahrhundert.

Zunächst verbindet er zwei Berufe miteinander. Der Goldschmied ist der Pfarrer, der wieder zum Goldschmied wird – und beides miteinander zusammenbringt, also von der Kanzel zur Kunst geht, ein anderes Medium als das Wort nutzt. Das finde ich wegweisend.

Dann hat er Metalle verbunden: Gold fürs Göttliche, für das Schöne, Silber auch für das Menschliche – das Edle des Menschen sozusagen. Aber dann eben auch Holz und Stein und Lehm und Dachziegel. Natur und Glaube zusammenzubringen. Die Figuren des Glaubens, die Gestalten, die Christusgestalt und anderes so darzustellen, dass sie mit Naturmaterialien verbunden sind. Das wird ein grosses Thema des 21. Jahrhunderts sein und bleiben: Glaube und Religion und der Umgang mit unserer Erde und der Natur. Das spiegelt sich in den Ikonen sehr schön wieder. Ohne dass man dazu viel sagen muss, kommt einem das entgegen.

Das wird ein grosses Thema des 21. Jahrhunderts bleiben:
Glaube und Religion und der Umgang mit unserer Erde und der Natur.

Auch Kirchen und kirchliche Traditionen verbindet er miteinander. Als Reformierter ist er etliche Jahre in der Toscana im katholischen Kloster gewesen. In seiner Kunst nimmt er die orthodoxe Tradition mit den Ikonen auf – und verwandelt sie und gestaltet sie neu. Die grossen Konfessionen bringt er zusammen. Wir können uns als Kirchen nicht mehr leisten, zu sehr die Unterschiede zu betonen. Wir müssen Brücken finden.

Dann ist ein wichtiger Impuls, wie er den Christus darstellt. In seiner Ikone «auferstehungsleicht» zum Beispiel. Da ist das Kreuz im Hintergrund, das ist leer. Der Auferstandene schwebt davor. Er ist aber nicht verfügbar. Ich kann Gott oder Christus nicht in einen Satz bringen, in einen Begriff oder ein Dogma. Dieses Wagnis, ihn als Unverfügbaren darzustellen, das war Josua Boesch sehr wichtig.

Wir können uns als Kirchen nicht mehr leisten, zu sehr die Unterschiede zu betonen.
Wir müssen Brücken finden.

Auch das Thema von Kreuz, Leiden, Schmerz auf der einen Seite und auf der anderen Hoffnung, Vertrauen, Glauben. Diese Schwerpunktverlagerung: von einem «Kreuzweg» hinüberzugehen in einen «Auferstehungsweg», wo das Leiden zwar drin ist, aber eingebettet in ein viel grösseres Bild von Schöpfung, Leid, Schmerz, Auferstehung, Neuem. Also Kirche, Glauben, Christsein nicht nur mit dem Schweren, dem Leiden, den Sünden zu verbinden, sondern auch diesen grösseren Horizont auszudrücken.

In der evangelische Tradition gibt es eine Art Askese, was das Bildhafte betrifft. Diese Bildaskese nimmt Josua Boesch auf, indem er sehr schlichte Werke schafft. Dennoch geht er ins bildhaft Figürliche über – und schenkt damit auch dem Auge etwas, nicht nur dem Ohr durchs Wort. Das eignet sich auch für Stille, Gebet, Meditation, Verinnerlichung – über Kirchengrenzen hinweg. Einer gewissen Sprachlosigkeit der Kirchen kann das heilend sein, ich nenne das auch Proviant für Suchende und für wortlose Zeiten.

S.F.
Beitragsbild: Josua Boesch, auferstehungsleicht (Copyright beim Verein Josua Boesch; Verwendung mit freundlicher Genehmigung)

Weitere Newsmeldungen

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Ausstellung in Horgen

Wanderausstellung

25. September bis 7. Oktober 2022
Vernissage Sonntag, 25. September, 18.00 Uhr
danach um 19.00 Uhr Abendgottesdienst

26. September bis 7. Oktober 2022, täglich 14.00 bis 17.00
EMK Horgen, Seestrasse 184, 8810 Horgen

Josua Boesch – Ein Mensch der Dämmerung

Der ehrliche Dokumentar-Film von Luke Gasser
Austausch mit dem anwesenden Regisseur
Mittwoch, 28. September, 19.00
Kirchgemeindehaus Horgen, Kleiner Saal

Der Auferstehungsweg – Uraufführung

Ein geistliches Vokalwerk über acht Metall-Ikonen von Josua Boesch
von Pia Maria Hirsiger (Texte) und Christian Enzler (Komposition)
Samstag, 1. Oktober, 19.15 Uhr
Reformierte Kirche Horgen

Flyer (PDF)

Website Verein Josua Boesch