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Bild: Gottesdienst der Methodisten in Kleinbasel

«Dranbleiben und Beziehungen schaffen»

24. Oktober 2022

«Wir sind eine Gemeinde und feiern einen Gottesdienst – und der ist zweisprachig», sagt Sylvia Wilhelm, wenn sie die Besonderheit der methodistischen Gemeinde in Kleinbasel beschreiben soll. Eine Gemeinde – zwei Sprachen, das ist das Ergebnis eines längeren Prozesses, der nicht immer geradlinig verlaufen ist.

«Herzlich Willkommen – Sean bienvenidos»: Nicht nur 🔗auf der Website der methodistischen Gemeinde in Kleinbasel werden Besucher:innen zweisprachig begrüsst. Auch die Lieder im Gottesdienst, Lesungen und Gebete sind spanisch und/oder deutsch. Knapp ein Fünftel der Leute, die zu dieser Kirchgemeinde gehören, sprechen spanisch.

Premiere im Oktober

Wo möglich und nötig wird die jeweils andere Sprache zum Mitlesen an die Wand projiziert. «Und Mitte Oktober hat Scharito zum ersten Mal eine Predigt auf spanisch gehalten – und wir Deutschsprachigen hatten die Übersetzung schriftlich», erzählt Sylvia Wilhelm. 🔗Zwei Pfarrerinnen übernehmen die pastoralen Aufgaben in der Gemeinde. Scharito Hernandez ist eine davon. Ihre Muttersprache ist Spanisch.

Langer Atem

Immer wieder lässt sich aus den Schilderungen von Sylvia Wilhelm heraushören: Es war ein langer Weg bis zu diesem Miteinander, das heute möglich ist. Diejenigen, die dieses Ziel verfolgten, brauchten einen langen Atem. Wichtige Veränderungen waren erst möglich, nachdem persönliche Beziehungen gewachsen waren. «Dranbleiben und Beziehungen schaffen, das hat es gebracht», fasst Sylvia Wilhelm das zusammen.

Blick auf die Anfänge

Begonnen hat alles vor rund 20 Jahren. Lorna Barra, methodistische Pfarrerin aus Chile, kam damals in die Schweiz und in die methodistische Gemeinde in Kleinbasel. «Sie hat angefangen, sich mit einer kleinen Gruppe spanisch sprechender Personen regelmässig zu treffen. Das waren vier oder fünf Leute», erinnert sich Sylvia Wilhelm. «Dann kamen immer mehr Leute dazu.» Erste Gottesdienste in spanischer Sprache wurden angeboten. Ein paar wurden Mitglied.

Turbulenter Übergang

Aus familiären Gründen kehrte Lorna Barra Ende 2016 wieder nach Chile zurück. «In der spanisch sprechenden Gemeindegruppe führte das zu einer Krise.» Scharito Hernandez hatte als Nachfolgerin von Lorna Barra daher einen schwierigen Start. Und auch die Gemeindeverantwortlichen waren gefordert. «Wir mussten zahlreiche Gespräche führen und haben versucht, gemeinsame Lösungen zu finden.» – Dennoch seien einige Personen weggegangen. «Andere aber sind geblieben. Neue sind dazu gekommen.»

Dranbleiben

Auch in der deutschsprachigen Gemeinde haben sich Veränderungen ergeben. «Noch vor etwa 10 Jahren hat mir jemand gesagt: ‹Ein Miteinander wird niemals gehen. Unsere Kulturen sind zu unterschiedlich!›», erinnert sich Sylvia Wilhelm. Ihre Antwort damals: «Doch, wir versuchen es und arbeiten daran!»

Einander treffen

Geholfen hätten Veranstaltungen, die gemischt sind. Beispielsweise hat es längere Zeit einen Deutschkurs gegeben, erzählt Sylvia Wilhelm. «Lorna hatte den noch angefangen. Der hat anfangs funktioniert, aber nachdem Lorna Barra nach Chile zurück ging, nicht mehr. » Momentan haben wir eine Deutschkonversation: eine Stunde am Dienstagnachmittag mit Regula Stotz. Deutschsprachige und Spanischsprachige treffen sich und reden Deutsch miteinander.

Beziehungen aufbauen

Zu diesem Anlass seien immer mehr dazugekommen. «So hatten wir die Gelegenheit, Beziehungen aufzubauen.» Ausserdem konnten sie einladen zu anderen Anlässen: zu «Amiga te invito un cafè» – einem Frauenfrühstück, zu Gottesdiensten, Gemeindetagen. «Wir haben einfach eingeladen. Regelmässig. Immer wieder. Einzelne kamen. Das war das Schöne.»

Weitere wichtige Elemente im Veränderungsprozess kamen hinzu: eine neue Pfarrerin für die deutschsprachige Gemeinde, die ursprünglich aus Südafrika kommt. Eine Familie aus der spanischsprachigen Gruppe, die sich entschied, regelmässig den deutschsprachigen Gottesdienst zu besuchen.

Veränderungen vornehmen

Nach und nach hat sich nun verändert, wie die Gottesdienste gefeiert werden. «Angefangen haben wir damit, dass wir ab und an gemeinsam Gottesdienst hatten.» Anfangs wurden dabei alle Elemente übersetzt. Doch so dauerte der Gottesdienst eineinhalb bis zwei Stunden. «Dann haben wir mit kleinen Elementen begonnen, etwa einen Segen oder ein Gebet nur auf Spanisch. Nicht übersetzt. Oder auf Deutsch. Nicht übersetzt.» So kristallisierte sich die Form des Gottesdienstes heraus, wie sie heute gefeiert wird.

Noch mehr Sprachen

Noch einen Schritt weiter gehen die Methodist:innen beim «Gottesdienst inklusiv». Ein Team gestaltet einen Gottesdienst, in dem viele Sprachen gesprochen werden. Deutsch tritt in den Hintergrund. «Neben den Latinos werden hier auch unsere afrikanische Familie und eine Frau aus der Ukraine mit einbezogen.»

Fünf Nationen

Auch in der «Sonntagschule», die parallel zum Gottesdienst stattfindet, spiegelt sich die Vielfalt. Neun Kinder treffen sich hier – wenn alle da sind. Sie kommen aus fünf Nationen. Eine grosse Herausforderung. Die Mitarbeiterinnen haben sie angenommen. Mit Erfolg. «Aber auch dort war es so: Es ging nicht von Anfang an super», sagt Sylvia Wilhelm. «Wir haben dafür schauen müssen, haben Gespräche geführt, um Verständnis geworben, Lösungen gesucht.»

Was wirklich zählt

«Die Gemeinde ist nicht mehr, wie sie vor 30 Jahren war. Überhaupt nicht», sagt sie. Das klingt nicht wehmütig, sondern dankbar. Der Weg hin zu einer Gemeinde mit zwei Sprachen ist lang. «Wir sind am Lernen, und alle geben sich Mühe .» Vieles, was am Anfang noch für Diskussionen sorgte, sei inzwischen in den Hintergrund getreten und bilde kein Problem mehr, weil man sich gegenseitig gern habe. Das scheint in der Tat so etwas wie das Geheimnis dieses Prozesses zu sein: «Dranbleiben und Beziehungen schaffen.»

S.F.
Beitagsbild: Gottesdienst mit einer Clownin in der methodistischen Kirchgemeinde in Kleinbasel. (Foto: zVg)

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