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Bild: Screenshot des Posts auf Instagram

«Glaube, Liebe, Pizza» und «Singularitäten»

2. November 2022

Lukas, Designer und Methodist, und Freddy, landeskirchlicher Theologe, schreiben auf ihrem Instagram Account «Glaube, Liebe, Pizza» über kontroverse Themen im Christentum. Eine Einladung, weiter zu denken und tiefer zu fragen.

Auf dem 🔗Instagram Account teilte Lukas jüngst einige Gedanken darüber, warum manche Kirchen wachsen, während andere schrumpfen. Sei der Grund ihre Bibeltreue oder ihre modernen Gottesdienste? «Nicht ganz», findet Lukas, gräbt weiter und findet beim Soziologen Andreas Reckwitz Hinweise zu einem vertiefteren Verständnis.

Einzigartig oder graue Masse?

In unserer «Gesellschaft der Singularitäten» sei das «Besondere, Einmalige und Einzigartige das höchste Ziel». In dieser Gesellschaft verlören jene, «die wenig Singularität erzielen und damit in der grauen Masse untergehen.» – Lukas verknüpft seine Erkenntnisse aus der Lektüre mit seinen Beobachtungen aus dem kirchlichen Milieu und beschreibt sie anhand von sechs Singularitäts-Punkten:

Profil

Bist du und seid ihr einzigartig, besonders und unersetzlich? – Kirchen, die mit klarem Profil werben, würden wachsen. Erzielt werde das in der Regel durch ein auf Abgrenzung basierendes Schema: drinnen-draussen, Freund-Feind, Gemeinde-Welt, bibeltreu-liberal. Dagegen würden Kirchen, die alle ansprechen «und in keine Schublade passen (wollen)», als «profillos und schwammig» beurteilt.

Erlebnis

Bietet die Kirche oder Gemeinschaft einmalige, unwiederholbare Erlebnisse? – Beispiele von in diesem Sinne attraktiven Gemeinschaften seien «pfingstkirchliche Gemeinden, charismatische Jugendfestivals oder auch Orte wie die ökumenische Gemeinschaft von Taizé.»

Autarkie

Wie autonom ist die Gemeinschaft? – Es herrsche eine gesellschaftliche Grundablehnung gegenüber allem, das Massencharakter hat und als allgemein gilt, schreibt Lukas. Auch übergeordnete Strukturen rechnet er hierzu. «Kirchliche Strukturen gelten als veraltet, hierarchisch und schwerfällig.» Attraktiv seien eher Gemeinden, «die keiner Kirche oder nur lose einem Bund angeschlossen sind und völlig autark entscheiden.»

Aneignung

Kann ich mir meine Gemeinschaft und meinen Glaube individualisieren? – Der hohe Wert der Einzigartigkeit bringe mit sich, dass Personen ihren einzigartigen Lebensstil selbst «aus den verschiedensten Elementen und (Sub-)Kulturen» zusammenstellten. Gemeinden, für die sich Menschen selbst entscheiden, würden zu einem Teil des persönlichen Lifestyles und dienten der Selbstverwirklichung. Ganz anders «Kirchen, in die man traditionellerweise hineingeboren wird». Diese stünden «als Verlierer da».

Emotionen

Werde ich emotional abgeholt? – Vor allem rohe und ungefilterte Emotionen würden als besonders authentisch angesehen und dienten der «echten» Selbstverwirklichung. Entsprechend würden kirchliche Gemeinschaften wachsen, die solche Emotionen durch Sprache, Musik oder Inhalte auslösten. Gemeinschaften, die Vernunft und das aktive Handeln betonen, würden dagegen als «verkopft oder geistlos» beurteilt.

Matthäus

Und schliesslich gelte auch das «Matthäus-Prinzip», das der Soziologe Reckwitz mit Verweis auf einen 🔗Vers aus dem Matthäus-Evangelium (25,29) beschreibt: «Wer viel hat, der bekommt noch mehr dazu». Auf die Kirche übertragen heisst das für Lukas: Kirchen, die zum Beispiel eine starke Jugendarbeit haben, würden immer neue Jugendliche anziehen. «Gemeinden, die Anerkennung durch Singularisierung erhalten, wachsen immer weiter», ziehen die Masse jedoch an einem anderen Ort ab.

Zeitgeist?

Diese Beobachtungen seien «erst mal keine Wertung» schreibt Lukas am Ende. Doch weil «Wachstum» in christlichen Kreisen oft zurückgeführt werde «auf die Gunst Gottes durch besondere Bibeltreue», regt er mit einer abschliessenden Überlegungen an, grundsätzlich zu fragen: «Vielleicht schrumpfen manche Kirchen, weil sie sich gerade nicht dem Zeitgeist anpassen.» Es sei eine gewagte Theorie. Aber er wolle zum Nachdenken anregen, so der junge Methodist. Das scheint ihm gelungen. Sein Beitrag wurde rege kommentiert.

Sarah Staub
Beitragsbild: Screenshot, Instagram; Köpfe: PublicDomainPictures, Pixabay; Menschengruppe: Gordon Johnson, Pixabay

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