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«Kirche ist nur Kirche, wenn sie mit anderen da ist.»

14. Dezember 2022

«Ernste Überlegungen in schwierigen Zeiten» trug Prof. Dr. Jörg Rieger am 9. Dezember an der Theologischen Hochschule Reutlingen vor und forderte eine Neugestaltung von Kirche und Theologie.

«Ich will nicht hoffen, dass alle unsere Kirchen zunichte werden müssen, aber vielleicht muss manches in der Religion und im kirchlichen Raum zunichte werden, bevor wir wieder neu ansetzen können.» In seinem Vortrag an der 🔗Theologischen Hochschule in Reutlingen unter dem Titel «Die Zukunft der Kirchen im Zeitalter des Kapitalozän: Ernste Überlegungen in schwierigen Zeiten» stellte 🔗Dr. Jörg Rieger viele Selbstverständlichkeiten in der Kirche grundsätzlich in Frage.

Kirche mit anderen

Rieger forderte, Kirche müsse lernen Gott in der Welt zu suchen – und nicht in den Heiligtümern. Zuerst müsse die Frage nach dem Leben vor dem Tod gestellt werden für und mit denen zusammen, die hier unter die Räder kommen. Zugespitzt formulierte er in Anlehnung an eine Aussage des deutschen Widerstandskämpfers und Theologen Dietrich Bonhoeffer: «Kirche ist nur Kirche, wenn sie mit anderen da ist.»

Zukunft ist fraglich

In seinem Vortrag hatte Rieger zunächst die aktuelle kirchliche und gesellschaftliche Situation skizziert: «Ob die Kirchen noch Zukunft haben, ist für viele fraglich geworden», fasste Rieger die Situation der Kirchen in den USA und Europa 🔗einleitend zusammen. Kirchen und Kirchgemeinden reagierten darauf sehr oft mit dem «Versuch, die Religion an die jeweiligen kulturellen Strömungen anzupassen».

Den Status quo bewahren

Diese 🔗Anpassung, gleichgültig ob sie an eher konservative oder liberale Strömungen erfolgt, zielt laut Rieger letztlich darauf, eine bestimmte Form von Kirche festzuhalten. Dass in dieser Weise angepasste Kirchen Zukunft haben können, wolle er nicht bestreiten. «In vielen Fällen haben die angepasstesten Kirchen die grössten Mitgliederzahlen und die grössten Budgets», 🔗sagte Rieger. Doch die Frage stelle sich, inwiefern diese Kirchen Christus verkörperten – oder etwas ganz anderes.

Kapital regiert die Kirche

Dieses andere bestimmte er mit dem Begriff 🔗«Kapitalozän» im Sinne eines geologischen Zeitalter. Verschiedene Forscher bezeichneten das aktuelle Zeitalter als «Anthropozän», ein Zeitalter also, in dem die wachsende Zahl der Menschen das Schicksal dieser Welt bestimme. Diejenigen , die vom «Kapitalozän» sprächen, betonten dagegen, dass es nur ein sehr kleiner Teil sei, vielleicht 1% dieser Menschheit, deren Macht und Geld alle zutiefst prägten. «Es gibt keine handelnden Individualsubjekte», so Rieger, denn «wir sind immer schon in die Struktur eingebunden.» Geld regiere nicht nur die Welt, sondern auch die Kirchen.

Kirche aus der Gesellschaft heraus

Wie könnte Alternativen aussehen? Rieger entfaltete die Frage in drei Gedankengängen: Es brauche 🔗ein anderes Verständnis von Kirche. Das Wesen der Kirche könne nicht von oben her bestimmt werden. Kirche müsse wurzeln in den wirklichen Fragen, die in der Gesellschaft auftreten. «Kirche von unten» also nicht nur von den Leuten her, die in den Kirchenbänken sitzen, sondern von der Gesellschaft her.

Kirche, der geholfen wird

Das Wesen der Kirche bestimmte Rieger strikt diakonisch: «Wir haben im Methodismus oft gesagt: Wir haben eine Diakonie. Ich würde noch einen Schritt weitergehen und sagen: Wir sind eine Diakonie.» Dabei gehe es auch um Fragen der Gegenseitigkeit. Die Frage sei nicht nur: Was tut Kirche für andere?, sondern ebenso: Was können andere für die Kirche tun? «Und können wir vielleicht in diesen Zusammenhängen Gott neu begegnen?» Die ganz zentrale Frage sei, ob Kirche überhaupt Kirche sein könne ohne diese Breitenwirkung.

Gott ist kein:e Manager:in

Ähnlich forderte Rieger auch ein 🔗Verständnis Gottes von unten her. «Es ist nirgendwo schwieriger über Gott zu reden als in der Kirche, weil hier alle denken, dass sie schon wissen, wer Gott ist.» Eine Gotteslehre von oben sehe Gott als Manager:in, Geschäftsführer:in und unumschränkte Herrscher:in an. Das Ebenbild dieses Gottes seien erhabene Prediger:innen in würdevoller Kleidung. Doch Gott sei nicht oben, sondern unten. Die Macht von oben habe Jesus immer entscheidend abgelehnt.

Arbeit und Theologie

Schliesslich sprach Rieger über die Alternativen, die 🔗der Theologie zur Verfügung stünden. Er griff dafür zurück auf eine Bestimmung der Theologie durch Paul Tillich: Das Thema der Theologie sei das, was uns unbedingt angeht, was über unser Sein und Nichtsein entscheidet.

Doch worum geht es dabei? Rieger spitzte die Fragestellung ausgehend von Erfahrungen aus der Pandemie zu auf die Arbeit. Sie sei der eigentliche Ort der Theologie mitten in der Welt. Kirche und Arbeit gehörten zusammen, weil Kirche und Leben zusammengehörten.

Leben vor dem Tod

Die theologisch und kirchlich entscheidende Frage sei darum nicht: «Gibt es ein Leben nach dem Tod?», sondern: «Gibt es ein Leben vor dem Tod?» Diese «Leben vor dem Tod» orientiere sich nicht am Wohlbefinden der Reichen, sondern an der Lebensfülle der «Geringsten». Erst wenn es für sie wirkliches Leben gebe, könne von einem «Leben vor dem Tod» die Rede sein. Und erst dann könne die übrige Zeit verwandt werden, um über ein Leben nach dem Tod nachzudenken.

S.F. / Martin Thoms (TH Reutlingen)
Beitragsbild: zVg (Foto: TH Reutlingen)

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Zur Person

Dr. Jörg Rieger ist Professor der Theologie an der Vanderbilt University (USA) und gehört gegenwärtig zu den weltweit bedeutendsten Theologen methodistischer Prägung.

Weitere Informationen auf seiner 🔗Website und auf der Website des von ihm gegründeten 🔗Instituts für Religion und Gerechtigkeit.

Die Theologische Hochschule Reutlingen (THR)

.. ist die international ausgerichtete Studienstätte des deutschsprachigen Methodismus in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Sie ist eine staatlich anerkannte Hochschule und verleiht die international anerkannten Studienabschlüsse Bachelor (Bachelor of Arts, B.A.) und Master (Master of Arts, M.A.) für Theologie sowie den staatlich anerkannten Master-Abschluss im Studiengang «Christliche Spiritualität» und einen staatlich anerkannten Bachelor-Abschluss im Studiengang «Soziale Arbeit und Diakonie». Rektor der Hochschule ist derzeit Prof. Christof Voigt.

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