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Leser:innen-Meinung – Von der Evan­gelisch-metho­disti­schen zur Evan­geli­kal-metho­dis­tischen Kirche? Will ich das?

21. Januar 2023

Zu: «Ringen um eine gemeinsame Zukunft» – Kirche und Welt 01/2023 (🔗Online-Version des Beitrags)

Es war pure Neugier, die mich veranlasste, in einer kürzlichen Mitteilung der EMK (etwa zeitgleich mit der Zentralkonferenz) den Link zu den 🔗offenen Stellen anzuklicken. Gleich zwei EMK-Gemeinden suchten Pfarrpersonen mit evangelikaler Ausrichtung. Ein Bezug oder Interesse an der EMK war nicht vorausgesetzt. Die Fokussierung irritierte mich und ich fragte nach. Die Antworten bestätigten meine Befürchtung. In beiden Gemeinden waren Vorbehalte gegenüber der gleichgeschlechtlichen Liebe und der Ehe für alle für diese Schwerpunktsetzung ausschlaggebend.

Gleichgeschlechtliche Liebe ist die Lebensrealität von vielleicht 10% von uns allen (eine kleine Gruppe, wie die Linkshändigen, zu denen ich mich zähle). Ihre und andere sexuelle Orientierungen werden oft als etwas Selbstgewähltes, Veränderbares dargestellt und als nicht schöpfungskonform, als keine «gute Gabe», als sündig, als Gräuel vor Gott, ja als Gefahr für die Kinder beschrieben, was un­ter anderem eine Ordination ausschliesse. Die Ehe für alle wird als Bedrohung für die von Gott einge­setzte Ehe von Frau und Mann beschworen.

Bei allem Verständnis für Tradition, bei allem Respekt vor Glaubens- und Meinungsfreiheit bin ich nicht bereit, solche Zuschreibungen und die damit verbundenen Ausgrenzungen widerspruchslos hin­zunehmen. Es geht hier nicht einfach um unterschiedliche Auffassungen, andere Meinungen zu ei­nem bestimmten Sachverhalt. Die Zuschreibungen verletzen die Würde und Integrität von Men­schen. Ich bin nicht bereit, sie als Alternative zu akzeptieren und gar aktiv zu fördern. Ich nehme jene, die sie vertreten, ernst und widerspreche!

Man kann in guten Treuen evangelikal und anders über Gott und die Welt streiten. Aber was heisst evangelikal oder traditionell eigentlich? Ist die Ablehnung gleichgeschlechtlicher Liebe zwingende Folge dieser Ausrichtung? Die Fragen lassen mir keine Ruhe.

Eher zufällig stiess ich bei freikirchen.ch – die EMK gehört auch dazu – auf ein 🔗Papier, das Freikirchen ganz allgemein als evangelikal deklariert Es wird argumentiert, der eingedeutschte Begriff «evangeli­kal» versuche einen Unterschied zwischen «Evangelischen» und «Evangelikalen» zu konstruieren, ob­wohl es keine objektiven Unterscheidungskriterien gebe. Was bedeutet eine solche Aussage für die EMK, die neu explizit evangelikale Pfarrpersonen rekrutiert? Was bedeutet es für mich – gehöre ich einer evangelikalen Kirche an? Will ich das?

Im gleichen Papier wird zum Thema Homosexualität festgehalten, dass Pfarrpersonen bezüglich Ehe «Vorbildfunktion» (in Gänsefüsschen!) einnehmen. Weiter wird argumentiert, wie auch Greenpeace keinen «Umweltsünder» als Geschäftsführer anstellen würde, können bei Anstellungen in Freikirchen Kriterien mitberücksichtigt werden, die über die fachlichen und sozialen Kompetenzen hinausrei­chen.

Mit Spässchen in Gänsefüsschen wird gleichgeschlechtliche Liebe mit Sünde in Verbindung gebracht. Die Verwendung der Zeichen beschönigt und verharmlost eine gnadenlose Ausgrenzung und nimmt die Lebensrealität von Menschen mit einer diversen sexuellen Orientierung nicht ernst.

Nach meiner Wahrnehmung (die falsch sein kann) nehmen die «Methodisten traditionell» intensiv Ein­fluss. Das sei ihnen unbenommen. Sie haben Erfolg. Es wird sehr viel unternommen, ihnen entgegenzukommen. Sie stellen 🔗auf ihrer Website die Frage, ob es gelingen kann, in sexualethischen Fragen in einer Kirche traditionelle und liberale Positionen miteinander zu leben. Es kann meines Erachtens ge­lingen, wenn keine Seite ein Vetorecht hat!

Es wird nicht gelingen, wenn Andersdenkende als (im populistisch negativen Sinne) «woke» Gesell­schaft zur Seite geschoben werden (siehe 🔗Interview Schnegg auf der Website). Es wird nicht gelingen, wenn die eine Seite Pfarrpersonen zwingend verpflichten will, gleichge­schlechtliche Paar zu trauen, und es wird nicht gelingen, wenn die evangelikal/traditionelle Seite es Pfarrpersonen zwingend verbieten will, gleichgeschlechtliche Paare zu trauen. Es wird nicht gelingen, wenn in unserer Kirche das Geschlecht (Frauenordination) oder die sexuelle Orientierung über die Zulassung zur Ordination entscheiden.

Es kann gelingen, wenn die einseitige Fixierung auf die sexuelle Orientierung, die so viele Kräfte bindet, aufgegeben wird. Es kann gelingen, wenn wir vom «müssen und nicht dürfen» zum «dürfen und nicht müssen» finden, zu einer offenen, evangelischen Kirche, die sich in Ökumene und Diakonie, in Friedensarbeit und Nothilfe mit vielen andern verbindet.

Markus Brandenberger, Uetikon am See

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