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Bild: Kernteam des Zmorgetischs in Solothurn

Zmorgetisch in Solothurn: Ein kleines Stück Heimat

8. März 2023

Seit 20 Jahren gibt es den Zmorgetisch für Menschen am Rande der Gesellschaft in der Methodistenkirche in Solothurn. Hier finden diese Leute ein kleines Stück Heimat – fast jeden Tag.

Kurz nach 7 Uhr trudeln die ersten Gäste im Bistro ein. Sie setzen sich an den gedeckten Tisch, warten (mehr oder weniger) geduldig auf den wärmenden Kaffee, die farbigen Konfibrote, den beliebten Greyerzer und machen es sich für eine kürzere oder längere Zeit gemütlich. Es sind Menschen am Rande der Gesellschaft, Arbeitslose, Heimatlose, Sucht- und psychisch Kranke, die zum Zmorgetisch kommen.

Seit zwei Jahrzehnten

Vor 20 Jahren, im Mai 2003, haben Personen aus der 🔗methodistischen Gemeinde in Solothurn den Zmorgetisch angefangen. Schwester Sara Martina, eine Ordensfrau die sich um Drogensüchtige kümmerte, hatte bei den Methodist:innen angefragt. Die liessen sich auf die Herausforderung ein.

Seither gibt es an sechs Tagen in der Woche dieses Angebot. Nur während der Coronazeit musste während zwei Monaten eine Zwangspause eingelegt werden. Zunächst fand der Zmorgetisch im Korridor der Kirche statt, später und bis heute im angebauten Bistro.

Rund ein Dutzend Gäste

25 Freiwillige engagieren sich. Zwei Drittel von ihnen sind bereits pensioniert. Ein vierköpfiges Kernteam organisiert die Einsätze, kauft ein, führt die Buchhaltung, lädt zum jährlichen Mitarbeitenden-Brunch ein.

Jeweils zwei Mitarbeitende stehen früh auf und bereiten alles vor für die Gäste. Gegen ein Dutzend Leute kommen jeden Tag – manchmal sind es auch mehr, manchmal weniger. Einige kommen regelmässig, andere sporadisch. Es ist nie vorhersehbar, wieviele kommen.

In Kontakt kommen

Sie sind zwischen 30 und 60 Jahre alt, vorwiegend Männer, wenige Frauen, eine Flüchtlingsfamilie. Ihre Gespräche drehen sich um Alltägliches, Sport, Wetter, ihre Schwierigkeiten mit Sozialämtern, mit der Wohnsituation oder mit anderem.

«Der Zmorgetisch bringt mich mit Menschen in Kontakt, bei denen ich sonst eher auf Distanz gehen würde», sagt Evi Hostettler, die zum Kernteam gehört. «Ich lerne ein Stück weit ihre Geschichte kennen, lerne sie wertschätzen und auch lieben.» Ein verständnisvoller Blick, ein mitfühlendes Zuhören, ein aufmunterndes Wort, manchmal ein Gebet, manchmal ein Witz können das Befinden der Gäste oft zum Guten wenden.

Spenden ermöglichen das Angebot

Auch die Mitarbeitenden werden beschenkt. «Unsere Gäste geben uns (meistens) viel Freundlichkeit und Dankbarkeit zurück», sagt Evi Hostettler. «So steigen wir nach dem frühmorgendlichen Dienst froh und frisch in den weiteren Tagesverlauf ein.»

Die Solothurner Bäckerei Baranyai, die in der Nähe ist, spendet jeweils Brot, das vom Vortag übrig geblieben ist. Diverse Spenden aus Solothurner Institutionen und von Privatpersonen helfen, die weiteren Ausgaben zu tragen.

Ein Stück Heimat

2017 war das Projekt mit dem Sozialpreis der Stadt Solothurn ausgezeichnet worden. In der Laudatio hiess es über das Angebot unter anderem: «So wird der Zmorgetisch zu einer kleinen Heimat für eine Stunde am Tag. Wer reden will findet einen Zuhörer, wer schweigen will schweigt.»

Für die Mitarbeitenden ist ebendies auch ein Teil ihres tatkräftigen und ausdauernden christlichen Zeugnisses. Evi Hostettler sagt es so: «Ich darf eine Vermittlerin von Gottes Fürsorge und Liebe für alle Menschen sein.» Es bleibt zu wünschen, dass das auch weiterhin so geschehen kann.

Zum Jubiläum
Anlässlich des 20-Jahr-Jubiläums planen die Verantwortlichen einige besondere Veranstaltungen:
Am Samstag, 13. Mai ist ein reichhaltiger Brunch für die Zmorgegäste geplant.
Ebenfalls am Samstag, 13. Mai gibt es einen Marktstand in Solothurn mit Gebäckverkauf und Gratis-Kaffeeausschank.
In einem Gästegottesdienst in der 🔗methodistischen Kirchgemeinde am Sonntag, 14. Mai wird die Mutter eines drogensüchtigen Sohnes zu Gast sein. Die Mitarbeitenden des Zmorgentisches offerieren den Besucher:innen anschliessend an den Gottesdienst einen Apero.
S.F. / Evi Hostettler
Beitragsbild: Das erweiterter Kernteam (v.l.): Ruedi Hostettler, Eveline Sommer, Evi Hostettler, Martha Zürcher, Walter Zürcher, Annarös Vonlanthen (Foto: Walter Zürcher (privat))

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