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Bild: Gottesdienst in der Methodistenkirche in Achseten

«Niemand will in einer Scheinwelt leben!»

9. März 2023

Das «Ressourcen-Einsatz-Modell», das die methodistische Kirche in der Schweiz 2021 in Kraft gesetzt hat, sieht regelmässige Standortgespräche über die kirchliche Arbeit vor. Pfarrer Simon Zürcher findet, das sei ein sehr hilfreicher Prozess.

Vor rund eineinhalb Jahren wurde für die Kirchgemeinden und gesamtkirchlichen Arbeitsbereiche der methodistischen Kirche in der Schweiz ein Prozess und Kriterien für die Verteilung von Ressourcen beschlossen. Im Berner Oberland hat Pfarrer Simon Zürcher mit zwei der drei Gemeinden seines Kirchenbezirks 2021 diesen Prozess begonnen.

Ein hilfreiches Angebot

Simon Zürcher ist Pfarrer der methodistischen Gemeinden in Aeschi, Achseten und Frutigen. Er selbst habe sich erwartungsvoll in diesen Prozess hinein begeben, erzählt er. «Für mich war klar: Das ist der richtige Weg. Ich finde solche Angebote sehr hilfreich, wenn man das ehrlich macht.»

So habe er das auch den Verantwortlichen in den Kirchgemeinden gesagt. Und die haben sich darauf eingelassen. «Ich denke, das hat schon auch damit zu tun, dass ich selber das Gespräch mit positiven Worten eingeführt habe.»

Andere Fragen wichtig

Eine Ausnahme bildete die Gemeinde in Frutigen. Dort waren 2021 andere Themen im Vordergrund. Nach Rücksprache mit der zuständigen Distriktsvorsteherin Brigitte Moser und den Verantwortlichen vor Ort war klar, dass erst diese anderen Fragen geklärt werden müssen.

Fragen gemeinsam besprechen

Drei externe Personen – die Distriktsvorsteherin, eine Person aus dem Bereich GemeindeEntwicklung und eine Person aus einer anderen methodistischen Kirchgemeinde – kamen zum Gespräch. Im Vorfeld hatten die Verantwortlichen in den Gemeinden eine Liste mit Fragen erhalten, die dann gemeinsam besprochen wurden.

«Wir hatten uns bewusst dafür entschieden, nicht vorher über diese Fragen zu reden», erzählt Simon Zürcher. «Sonst hätten wir das doppelt gemacht. Und vielleicht wären dann Antworten, nicht mehr gekommen, weil sie beim ersten Gespräch kein Echo gefunden hatten.»

Hilfe zur Selbstreflexion

Die Vorstände der Kirchgemeinden sind klein. Neben Simon Zürcher gehören in Stein drei und in Aeschi vier Personen dazu. Das habe sehr intensive und tiefe Gespräche ermöglicht.

«Mir persönlich hat sehr gefallen, wie ich in beiden Gesprächen die drei ‹Externen› erlebt habe: als ein Gegenüber, das uns hilft nachzudenken.» Sie hätten mit echtem Interesse zugehört und Fragen gestellt, um besser zu verstehen. «Mein Eindruck war, dass auch die Leute aus der Gemeinde das sehr positiv und hilfreich erlebt haben.»

Eine Sprache finden

Dass die Verantwortlichen in den Kirchgemeinden sich selbst schlechter eingeschätzt hätten, als die drei externen Personen, sei ebenfalls ermutigend gewesen. «Das hat das Selbstwertgefühl gestärkt. Wir haben gemerkt: So schlecht sind wir ja gar nicht.»

Bild: Methodistische Kirche in Achseten
Methodistische Kirche in Achseten.

Auch darüber hinaus war das Gespräch hilfreich. «In Achseten hat uns der Austausch eine Sprache für das gegeben, woran wir ohnehin schon dran waren, woran wir gearbeitet und für die Zukunft geplant haben.»

An der Integration arbeiten

Das habe auch zu der Entdeckung geführt, dass sie bereits in das investieren, was ihnen wichtig ist. «Wir wollen an der Integration arbeiten.» Integration in dem Sinne, dass die Gemeindemitglieder spüren, dass sie mitverantwortlich sind für den gemeinsamen Weg, egal, wie lange sie schon dabei sind. Erleben sollen sie das, indem Raum geschaffen wird um gemeinsam über das zu reden, was ihnen an der Gemeinde wichtig ist und wohin sie sich entwickeln soll.

Bereits gut unterwegs

«Nach dem Standortgespräch haben wir gemerkt: Das was wir schon begonnen haben ist genau das, was das Ergebnis auf dem Papier uns aufzeigt.. Wir müssen gar nichts Neues machen.»

Schon ein halbes Jahr vor dem Gespräch hatten sie ein Gefäss dafür in der Gemeinde eingeführt: Einmal in zwei Monaten fällt der Gottesdienst aus. Stattdessen gibt es einen «Gemeindemorgen». Es gibt keine Predigt, wenig Musik. Der Raum ist anders eingerichtet. «Wir sitzen an kleinen Tischen. Sofa-Atmosphäre.» Und dann reden die Leute miteinander über die Gemeinde und was sie sein soll.

Sich bewusster ausrichten

Das Gespräch mit den externen Personen habe geholfen, klarer zu sehen, was wir als Vorstand für die Gemeinde wollen. Wir können jetzt dieses Miteinander noch bewusster darauf ausrichten. «Daran wollen wir uns selber messen und dann sehen, ob das, was wir tun, funktioniert oder nicht.» Das klar zu erkennen, sei sehr hilfreich gewesen.

Regelmässig wieder auswerten

Der Prozess sieht vor, dass nach drei Jahren erneut ein solches Gespräch stattfindet. Dann wird es auch um den Einsatz der finanziellen und personellen Ressourcen gehen. «Da bin ich gespannt, wie sie diese Verknüpfung vornehmen«, sagt Simon Zürcher. «Ich finde das auch gut. Aber das ist dann schon noch einmal herausfordernder.»

Er selbst könnte sich vorstellen, dass solche Standortgespräche häufiger als alle drei Jahre geführt würden. «Doch allein schon das Wissen darum, dass es wieder so ein Gespräch geben wird, hilft, um sich sich selbst Rechenschaft zu geben darüber: Was haben wir eigentlich gewollt? Warum machen wir das?»

Der ehrliche Blick hilft

Gerade dieser Blick von aussen sei sehr wertvoll an diesen Gesprächen. «Ich glaube, alle Leuten, die in den Gemeinden Verantwortung übernehmen, haben die Sehnsucht, dass man ehrlich hinschauen und sagen kann: So sind wir – und zu dem stehen wir. Mit dem müssen wir arbeiten.» Niemand, der in einer Kirchgemeinde Verantwortung hat, wolle in einer Scheinwelt leben. «Der ehrliche Blick auf sich selbst – unterstützt von Leuten von aussen, die uns helfen, das ist das, was wir alle wollen!» Und genau das geschieht seiner Erfahrung nach in diesen Gesprächen.

S.F.
Beitragsbild: Gottesdienst in der methodistischen Kirche in Achseten. (Fotos: zVg (privat))

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