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Bild: Pionierin Gabriela Clerc

Kirche mit Projekt-Werkstatt und Leiterwagen

30. Mai 2023

Seit September 2022 arbeitet Gabriela Clerc in einem Projekt der Methodistenkirche in Frauenfeld. Eine kirchliche Arbeit jenseits der bekannten Formen von Kirche.

«Sie hat das ‹Pionier-Gen›», sagt Chris Forster über Gabriela Clerc. Er begleitet sie vom Bereich GemeindeEntwicklung der methodistischen Kirche in der Schweiz in ihrer Aufgabe. Das «Pionier-Gen» ist für ihn eine bestimmte Art, Dinge anzupacken: «Ich komme an einen Ort, lerne Leute kennen und fange einmal an. Alles andere wird sich zeigen.»

Zuhören, diskutieren, umsetzen

Zu dem, was Gabriela Clerc in Frauenfeld angefangen hat, gehört zum Beispiel die «Projekt-Werkstatt». Aktuell treffen sich dabei vier oder fünf Frauen. Die sprechen darüber, welche Träume die einzelnen haben. Dann schauen sie gemeinsam, ob daraus etwas entstehen kann.

«Gabriela geht stark auf die Leute ein», erzählt Chris Forster. Über ihre Erfahrungen bei der Projekt-Werkstatt sagt eine der Teilnehmerinnen, sie habe das noch nie so erlebt, dass sie an einen Ort hinkomme und man ihr einfach nur zuhört – dann miteinander diskutiert, wie so ein Projekt oder ein persönlicher Traum in die Realität umgesetzt werden könnte. «Und Gabriela bringt hier Leute zusammen, die sonst nicht zusammenkommen.»

Ein überraschender Wunsch

Unkonventionelle Möglichkeiten, mit Leuten in Kontakt zu kommen, scheinen die Pionierin auszuzeichnen. «Letzthin hat sie zu mir gesagt: ‹Chris, ich brauche unbedingt einen Leiterwagen!›» Auf seine erstaunte Rückfrage, wozu, erzählte Gabriela Clerc von ihrer Idee: In der Nähe der methodistischen Kirche gibt es eine Entsorgungsstelle. «Dort war ich neulich und bin dann mit den Leuten ins Gespräch gekommen.» Das brachte sie auf die Idee: ein Leiterwägelchen, ein paar Stühle, ein Krug heisser Kaffee. «Ich setze mich dort hin, biete den Leuten einen Kaffee an und komme mit ihnen ins Gespräch.»

«Genau das liebe ich», sagt Chris Forster begeistert. «Man schaut, wo die Leute sind, kommt mit ihnen ins Gespräch und baut so ein Beziehungsnetz auf.» Kirche anders eben.

Kirche anders ist auch Kirche

Also möglichst bunt und anders? – «Nein, wir sind ja nicht per se nicht Kirche, sondern wir sind Kirche anders!» Aus dem Kreis der ehemals zur methodistischen Gemeinde in Frauenfeld gehörenden Personen sei vor Kurzem die Frage aufgetaucht: Könnte denn auch etwas Spirituelles entstehen, so etwas wie ein Hauskreis?

«Das ist gar keine Frage», sagt Chris Forster. Er habe Gabriela Clerc ermutigt: «Tu es! Wenn Leute, die ihre Gemeinde oder ihre kirchliche Heimat verloren haben, in dem neuen Gefäss wieder etwas finden, das sie adaptieren können, dann ist das super.» Vielleicht könne sie auf diese Weise auch Leute wieder ins Boot holen, die sie unterstützen.

Kontakte knüpfen im Umfeld

Das Projekt in Frauenfeld hatte bereits im November 2021 begonnen. Doch nach kurzer Zeit musste die Zusammenarbeit mit dem damaligen Pionier Martin Wieland wieder beendet werden. «Die Vorstellungen darüber, wie man so ein Projekt angeht, sind sehr weit auseinandergegangen», sagt Chris Forster. Ziel der Verantwortlichen seitens der methodistischen Kirche sei es gewesen, Kontakte ins Umfeld, mit den Leuten im Quartier und der näheren Umgebung zu knüpfen. Der Ansatz des Vorgängers von Gabriela Clerc sei eher gewesen, mit offiziellen Stellen in Kontakt zu treten.

Fehler gehören dazu

Was löst das aus, wenn das Projekt einen Neustart braucht? – «Aus meiner Erfahrung als Pionier finde ich: Das ist ganz normal», antwortet Chris Forster gelassen. Dinge ausprobieren, merken, dass sie so nicht funktionieren – und also wieder zurück. «Wobei, genau genommen gehst du nicht zurück, sondern du korrigierst die Richtung, weil du gemerkt hast: So komme ich nicht ans Ziel.» Das gehöre einfach dazu bei solchen Projekten. «Ich glaube, das müssen wir wieder lernen: Diese Kultur, Fehler machen zu dürfen, ohne immer wieder dieselben Fehler zu machen.»

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Lernen und weitergehen

Und was hat Chris Forster aus dieser Erfahrung gelernt? – «Ich glaube wir müssen bei der Anstellung von Personen nach dem ‹Pionier-Gen› Ausschau halten», sagt er. Das seien bestimmte Wendungen oder Sätze. «Wenn ich die in einem Vorstellungsgespräch höre, dann weiss ich, das funktioniert. Das sehe ich jetzt bei Gabriela.»

In Frauenfeld sieht Chris Forster auch weiterhin die Aufgabe, noch weitere Beziehungen aufzubauen. Allenfalls entstehe als nächstes das Angebot für Leute aus der ehemaligen methodistischen Gemeinde. «Grundsätzlich geht es darum, mit den Leuten weiter unterwegs zu sein und zu schauen, was für Leute es ‹hereinspült› – auch mit der Aktion bei der Recycling-Stelle.»

Auch der Quartierverein könnte ein Ort sein, an dem noch neue Kontakte geknüpft werden können. «Wir sind eigentlich ständig daran zu schauen: Was könnte jetzt hieraus entstehen?», sagt Chris Forster. «Immer wieder mal kommt Gabriela und fragt: ‹Was meinst Du hierzu?› – Und ich sag: ‹Cool! Machen!›» Kirche anders eben.

S.F.
Beitragsbild: Gabriela Clerc vor dem Schaukasten in Frauenfeld, mit dem Sie für die Projektwerkstatt wirbt. (Foto: Chris Forster)

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