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Bild: Zilhaver und Merrick

«Es gab so viele Aha-Erlebnisse, als wir anfingen, einander zuzuhören!»

14. Juli 2023

Vor allem in den USA haben zahlreiche Kirchgemeinden und Personen entschieden, sich von der weltweiten methodistischen Kirche zu trennen. Zu unüberbrückbar gross scheinen die Differenzen vor allem in der Einschätzung von Fragen der menschlichen Sexualität. Doch es geht auch anders.

Tracy Merrick und Pfarrer Bob Zilhaver sind schon so lange ein ungleiches Paar in ihrer Jährlichen Konferenz (Synode), dass sie schon gar nicht mehr so ungleich wirken. Seit mehr als 20 Jahren arbeiten die beiden us-amerikanischen Methodisten eng zusammen in kirchlichen Gremien.

Markant gegensätzlich

Das ist nicht selbstverständlich. Der 75-jähriche Tracy Merrik ist ein Laie und setzt sich für die vollständige Integration von Personen der LGBTQ-Community in der weltweiten methodistischen Kirche, der United Methodist Church (UMC) ein. Zilhaver (61) ist Superintendent. Er unterstützt ein Verbot gleichgeschlechtlicher Trauungen und der Ordination von praktizierenden Homosexuellen.

«Tracy und Bob veranschaulichen wie kaum zwei andere, dass man Eisen mit Eisen schleift», sagt die Bischöfin Cynthia Moore-Koikoi. «Wenn die beiden gemeinsam an einer Sache arbeiten, sind wir durch ihre Zusammenarbeit immer ein Stück besser geworden.» Die Spaltung der UMC konnte die starke Verbundenheit der beiden nicht schaden. Vielmehr haben sich Merrick und Zilhaver gemeinsam für so viel Einheit wie möglich eingesetzt.

Sichere Räume schaffen

Ihr spezielles Projekt bestand darin, gemeinsam mit einer Handvoll anderer Methodist:innen eine neue Organisationsstruktur für ihre Jährliche Konferenz (Synode) zu entwerfen, die darauf abzielt, sichere Räume für Geistliche und Kirchen mit unterschiedlichen theologischen Positionen – insbesondere im Blick auf die Einbeziehung von Personen der LGBTQ-Community – zu schaffen.

«Ich schätze Bob sehr», sagt Merrick gegenüber dem methodistischen Nachrichtenportal UM News. «Ich bin dankbar für die Freundschaft mit ihm, die mir Gott geschenkt hat.» Auch Zilhaver sieht das so: «Es gab schwierige Gespräche, aber die Beziehung, die wir miteinander haben, unsere gemeinsame Arbeit in Jesus Christus, hat das überwunden.»

Knallharte Auseinandersetzungen

Die beiden lernten sich im Anschluss an die Generalkonferenz 2000 in Cleveland kennen. Seit Jahrzehnten gab es bei den alle vier Jahre stattfindenden Tagungen des obersten Leitungsgremiums der UMC Konflikte über die Frage der Homosexualität. Bei der Tagung in Cleveland war es zu besonders störenden Protesten gekommen, die sogar zu Verhaftungen führten.

Nach dem Treffen in Cleveland richtete die Western Pennsylvania Conference, die Jährlichen Konferenz, zu der die beiden gehören, ein Dialogteam ein, das sich aus einigen ihrer progressiven und konservativen Leitungspersonen zusammensetzte. Merrick und Zilhaver waren Teil dieses Teams. Während Zilhaver sich an «schwierige» Gespräche in der Anfangszeit erinnert, geht Merrick noch weiter: «Es gab Abende, an denen wir absolut knallharte Auseinandersetzungen führten», sagte er. «Bob und ich hatten einen heftigen Schlagabtausch.»

Wie der Veränderungsprozess begann

Tracy Merrick wurde in Syracuse, New York, geboren, wuchs aber in Meadville, Pennsylvania, auf. Er studierte Mathematik und erwarb einen Master-Abschluss an der School of Management der Vanderbilt University. Anschliessend begann er eine lange Karriere im Bankwesen, zuletzt auch in leitender Position. Merrick engagierte sich schon früh auf verschiedenen Ebenen der methodistischen Kirche. Oft brachte er dabei sein Finanzwissen ein.

Seine Ansichten über die Einbeziehung von Personen aus der LGBTQ-Community in die Kirche waren konservativ, bis er eines Tages im Jahr 1982 einen Brief von seinem Bruder erhielt, in dem dieser sich als schwul outete. «Ich wusste sofort, dass sich etwas ändern muss», sagt Merrick. «Und ändern musste sich nicht mein Bruder!».

Der Veränderungsprozess bei Merrick dauerte zehn Jahre. Er wurde dabei zu einem energischen Verfechter der vollständigen Integration von Personen der LGBTQ-Community in der UMC. Entsprechend engagierte er sich auch massgeblich in progressiven kirchlichen Gremien.

Es gibt noch was zu tun hier

Bob Zilhaver wuchs in Clarion, Pennsylvania, auf und gehörte dort zur First United Methodist Church. Er besuchte das Virginia Military Institute. Während seiner Zeit dort fühlte er sich unter ungewöhnlichen Umständen zum Dienst als Pfarrer in der UMC berufen. Es dauerte jedoch eine Weile, bis er dem Ruf folgte.

Er verbrachte 10 Jahre in der Armee und erhielt einige militärische Auszeichnungen. Erst danach nahm er die Ausbildung zum Pfarrer auf und begann seinen Dienst in der Western Pennsylvania Conference. Er war viele Jahre als Gemeindepfarrer tätig. Seit 2017 ist er Superintendent.

Zilhaver vertritt seine traditionellen Überzeugungen mit Nachdruck. Während jedoch viele Personen mit solchen traditionellen Überzeugungen in der letzten Zeit in den USA die UMC verlassen haben, bleibt Zilhaver dabei. «Ich entscheide mich dafür, in der UMC zu bleiben, weil Gott hier noch nicht mit mir fertig ist», sagte er Anfang des Jahres in einem Podcast.

Stereotype überwinden

Für Zilhaver bestand die Herausforderung für das Dialogteam, dem er und Merrick seit 2002 angehörten, darin, «die Stereotypen zu überwinden». Die Progressiven hatten das Gefühl, dass man ihnen vorwarf, in der menschlichen Sexualität sei alles erlaubt, während sie in Wirklichkeit für langfristige, monogame Beziehungen für alle Paare eintraten, ob homosexuell oder heterosexuell. Die Konservativen fühlten sich reflexartig der Homophobie bezichtigt, weil sie die seit langem von der Kirche vertretene Auffassung unterstützten, dass die Ehe zwischen einem Mann und einer Frau geschlossen werden sollte.

Einander zuhören

Zilhaver und Merrick erinnern sich, dass die Anfangszeit im Dialogteam sehr schwierig war. Fortschritte waren erst möglich, als für das Team eine Moderatorin gefunden werden konnte. Die bestand in den Gesprächen darauf, jeweils nur ein Thema zu behandeln, und erlaubte Unterbrechungen nur für Fragen zur Klärung.

«Wir mussten innehalten und uns gegenseitig zuhören», sagt Zilhaver. Ein wichtige Verlangsamung des Gespräch! «Es gab so viele Aha-Erlebnisse, als wir anfingen, einander zuzuhören», erinnert sich Merrick.

Zwei beharrliche Freunde

Zwischen Merrick und Zilhaver entstand auf diese Weise und durch ihr weiteres gemeinsames Engagement eine starke Verbundenheit. Sie tauschten sich regelmässig in Telefongesprächen über anstehende kirchliche Fragen und Positionen der unterschiedlichen Lager aus. Auch andere in der Jährlichen Konferenz nahmen wahr, dass die beiden Männer ein gemeinsames Interesse und eine gemeinsame Beharrlichkeit bei der Arbeit in den herausfordernden kirchlichen Fragen haben.

Merrick und Zilhaver wurden Teil einer Task Force der Western Pennsylvania Conference, die von Bischöfin Moore-Koikoi einberufen wurde. Diese schlug der Jährlichen Konferenz schliesslich vor, einen rechtlichen Rahmen für einen innerkirchlichen Prozess zu schaffen. Dessen Ziel sollte es ein, Einheit und Harmonie in der Konferenz zu fördern und gleichzeitig Unterschiede anzuerkennen und zu respektieren.

Häuser bauen

Der vorgeschlagene Prozess sieht vor, drei theologischen «Hausgemeinschaften» zu bilden: eine progressive, eine traditionelle und eine gemischte. Pfarrpersonen und Kirchgemeinden könnten sich in diesen zusammenschliessen, zugleich aber weiter Teil der Jährlichen Konferenz und der UMC bleiben. «Es ist ein bisschen wie bei Harry Potter», sagte Zilhaver. «Alle haben ihre eigenen Häuser, aber sie essen alle am selben Tisch».

Trauer und Enttäuschung

Doch die Jährliche Konferenz von West-Pennsylvania beschloss am 16. Juni, den rechtlichen Rahmen für diesen Prozess nicht zu genehmigen. Die Umsetzung liegt nun für mindestens ein Jahr auf Eis. Zuvor hatte die Jährliche Konferenz 298 Kirchen erlaubt, sich von der UMC zu trennen. Das ist mehr als ein Drittel der gesamten Konferenz.

Merrick und Zilhaver sagen gegenüber UM News, dass sie tief traurig sind über die Abspaltungen. Zugleich seien sie enttäuscht darüber, dass ihr Vorschlag auf Eis gelegt wurde. Doch die Arbeitsgruppe wird weiter tagen, und Zilhaver und Merrick werden dabei sein.

Authentisch sein

Ihre Freundschaft hat keinen Schaden genommen. «Wir kennen uns gut genug, um einander gegenüber ganz authentisch sein zu können», sagt Merrick. Und Zilhaver fügt an: «Ich würde Tracy nie bitten, etwas zu tun, was seinen Überzeugungen widerspricht. Zudem gibt es viele Dinge, die wir gemeinsam haben. Und auf diesen können wir aufbauen!»

Sam Hodges, UM News / S.F.
Beitragsbild: Pfarrer Bob Zilhaver (links) vertritt traditionelle theologische Überzeugungen,  Tracy Merrick progressive. Seit mehr als 20 Jahren arbeiten die beiden in Angelegenheiten der Western Pennsylvania Conference eng zusammen. Das hat sich auch in einer Zeit in der tiefe Gräben der Trennung bis hin zu Spaltung durch die United Methodist Church gehen, nicht geändert. (Foto von Rich Pearson via UM News.)

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Die Generalkonferenz
Die Generalkonferenz ist das oberste Leitungsgremium der weltweiten Methodistenkirche (🔗United Methodist Church). Die Konferenz kann das Kirchenrecht revidieren und Resolutionen zu aktuellen moralischen, sozialen, politischen und wirtschaftlichen Fragen verabschieden. Sie genehmigt auch Programme und Budgets für kirchenweite Aktivitäten.
Die nächste Tagung ist vom 23. April bis zum 3. Mai 2024 in Charlotte im US-Bundesstaat North Carolina geplant.