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Bild: methodistische Kirche in Heiligenschwendi

«Ich bin einfach da und habe Zeit»

8. März 2024

«Menschen begegnen Menschen in Heiligenschwendi», heisst ein Projekt der Methodist:innen der Region Thun. Das klingt wenig spektakulär – und hat doch in der methodistischen Kirchgemeinde in Heiligenschwendi einiges in Bewegung gebracht. Ein Gespräch mit Pfarrer Johann Wäfler.

Johann, was ist die Idee hinter eurem Projekt?

Wie das der Name schon sagt, ist es ein Begegnungsprojekt. – Das Projekt startete, als wir als Pfarrfamilie hierher nach Heiligenschwendi gezogen sind. Damals war klar: Wenn man jetzt nichts macht, dann geht es weiter zurück. Irgendwann gibt es dann wohl keine methodistische Gemeinde mehr hier. Dass wir kamen, war eine Chance, die man bewusst nutzen wollte.

Dass wir hierher kamen, brachte Veränderung in der Arbeit. Nun wurde die methodistische Gemeinde hier nicht mehr von Thun her betreut. 20 Stellenprozent meiner Stelle werden jetzt durch den Projektfonds finanziert und fliessen in dieses Projekt ein.

Und was machst du bei dem Projekt?

Grundsätzlich bin ich einfach da und habe Zeit. Das ist das, was ziemlich entscheidend ist. Nicht die Aktivitäten, sondern einfach da sein und den Menschen begegnen. Wir sehen es als Auftrag unserer Kirche, dem Ort und den Menschen hier zu dienen.

Wie das dann konkret aussieht, dafür gibt es unterschiedliche Beispiele. So gibt es etwa von Heiligenschwendi Tourismus aus jedes Jahr einen Weihnachtsweg. Dabei sind auch verschiedene Leute aus der methodistischen Gemeinde sehr aktiv. In den letzten beiden Jahren wurden wir angefragt, den Gottesdienst zum Weihnachtsweg, einen Gottesdienst im Freien anzubieten.

Ein anders Beispiel ist die «Eierdütschete» am Ostersamstag. Da geht es vor allem darum, Geld für den Skilift zu generieren. Als methodistische Gemeinde machen wir dort das Kinderprogramm. Das heisst: Wir unterstützen die aktiv.

«Wir machen nicht einfach unser Kirchen­programm, sondern begegnen im Ort den Leuten.»

Solche Anliegen erwachsen daraus, dass wir da sind und die Leute wissen, wer wir sind. Sie kennen uns und kommen auf uns zu. Es ist auch nicht so, dass nur ich das mache. Sondern wir sind ja ein Projektteam, das zugleich die Gemeindeleitung ist. Wir nehmen die ganze Gemeinde mit auf diesen Weg.

Entscheidend ist, dass wir den Menschen begegnen und für sie da sind. Dass wir nicht einfach unser Kirchenprogramm machen, sondern im Ort den Leuten begegnen. Wir machen natürlich auch eigene Angebote. Aber vor allem an den Orten, an denen ohnehin schon etwas läuft, da wollen wir aktiv mitmachen und präsent sein.

Hat das auch eure Kirchgemeinde verändert?

Wenn man wirklich etwas verändern will, dann geht das sehr stark von innen, von der Identität aus: Wer sind wir? Aus meiner Sicht hat sich das das Denken der Gemeinde hier verändert. Schon nur die neue Situation: Wir sind nun auch eine Gemeinde mit einer Pfarrfamilie. Wir sind nicht mehr nur ‹Predigtort›. Oder auch regional: Wir als Gemeinde, als Kirche sind aktiv im Ort. Das verändert das Denken. Das ist das Entscheidende, das sich in der ganzen Arbeit der Gemeinde auswirkt: Man besucht diese Gemeinde nicht nur, sondern ist beteiligt am Ganzen, am Projekt. Das ist nichts anderes als miteinander Kirche-Sein.

«Entscheidend ist nicht so sehr die Aktivität, sondern dass wir da sind.»

Wie hat die Arbeit dich selbst verändert?

Was mich immer wieder nachdenklich macht, ist: Ich erinnere mich an Zeiten, in denen ich sehr aktiv war mit grossem Einsatz. Eigentlich jedoch hatte ich das Gefühl: All das, was ich mache und in dem ich aktiv bin, verändert gar nicht viel. Jetzt staune ich, wieviel sich einfach bewegt dadurch, dass ich da bin. Eigentlich ist gar nicht so sehr die Aktivität entscheidend, sondern mehr, wer wir sind. Dass wir da sind.

Am Anfang sagtest du, die Zukunft der methodistischen Gemeinde in Heiligenschwendi sei ungewiss. Ist das jetzt anders?

Zukunft ist, glaube ich, nie gewiss. Aber es gab eine spürbare Veränderung. Am deutlichsten sichtbar ist das für mich im Bereich der Kinder. Als wir hierher kamen, sagten wir: ‹Wir haben Kinder. Es wäre schön, wenn es während des Gottesdienstes Kinderbetreuung gibt.› Die Leute aus der Gemeinde sagten uns: ‹Noch so gern. Es hat hier zwar keine Kinder…›, aber es gab Leute aus der Gemeinde, die sich da sofort engagiert haben mit. Einfach für unsere Kinder. – Inzwischen wuselt das wieder so richtig. Es sind sehr viele kleine Kinder, die am Sonntagmorgen da sind. Wir brauchen zwei Personen für die Betreuung. Das ist gewiss der sichtbarste Bereich.

Doch auch das Denken der Gemeinde hat sich verändert. In der Gemeindeleitung denken wir gross: Wir rechnen mit dem Wirken Gottes und seinen Möglichkeiten und nicht mit unseren menschlichen Begrenztheiten.

Es sind durchaus auch Projekte entstanden. Im Worship-Bereich etwa. Zweimal im Monat gibt es einen Lobpreisabend. Alle zwei Monate gibt es einen Brunch in der Kirche. In diesem Jahr, startet eine Jungschar im Ort.

«Gott wirkt, und wir dürfen dabei sein. Das ist schön.»

Das sind aber alles Leute, die sich zur Gemeinde dazu zählen. Die haben das auf dem Herzen und fangen an, sich in diesen Bereichen zu engagieren. Ich bin im Hintergrund und sage: ‹Ich bin da und unterstütze euch. Sagt mir, wenn es etwas braucht.› Aber eigentlich braucht es mich für diese Projekte gar nicht. Ich versuche einfach, den Leuten den Raum zu geben und sie zu ermutigen, das zu machen, was sie auf dem Herzen haben. Und dadurch gibt es wirklich Veränderungen. Neue Angebote entstehen.

Faszinierend ist, wie leicht das alles klingt.

Da staune ich tatsächlich auch, Und ich frage mich: Was ist anders? Ich denke, es hat etwas damit zu tun, dass wir an einen Ort gekommen sind, an dem der Boden vorbereitet war. Die Türen waren offen. Gott wirkt, und wir dürfen dabei sein. Das ist schön.

S.F.
Beitragbild: Die methodistische Kirche in Heiligenschwendi (Foto: zVg, privat)

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