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«Spiritualität ist kein Luxus, sondern unerlässlich»

23. März 2024

Zwei Folgen der Video-Serie «Methodists in Climate Mission» machten ein Auslegeordnung und gaben einen Überblick: Wo sind Methodist:innen in der Schweiz und weltweit engagiert? Die dritte Folge provoziert, indem eine Theologin zugespitzt formuliert, was die Kirchen jetzt tun sollten.

Glaubens-Gemeinschaften sollten, wenn sie nach ihrem Beitrag zur Bewältigung der Klimakrise fragen, «nicht denken, es gehe hauptsächlich darum, ‹vor der eigenen Haustür zu wischen›», sagt die katholische Theologin Carmody Grey in der dritten Folge der Serie «Methodists in Climate Mission». Natürlich sei es nicht falsch, den eigenen CO2-Fussabdruck zu reduzieren, nachhaltig produziertes Gemüse bei Kirchenanlässen zu servieren und ähnliches. Doch nicht darin liege ihre eigentliche Verantwortung.

Spiritualität und Klimakrise

Im dritten Teil der Serie kommt neben der katholischen Theologin auch die methodistische Pfarrerin Sarah Bach zu Wort. Sie ist daran, eine Doktorarbeit zu erarbeiten zur Klimakrise und der Rolle, die Spiritualität bei ihrer Bewältigung spielt. «Die Ergebnisse aus der Forschung zeigen schon einmal sicher, dass die Spiritualität nicht unterschätzt werden darf», sagt sie.

Spiritualität werde von Klimaaktivist:innen zum einen als Motivation für ihr Handeln beschrieben. Andererseits sei Spiritualität auch eine Kraftquelle, aus der neuer Mut geschöpft werden könne, wenn die eigene Kraft nicht mehr reicht.

Nicht nur persönliche Spiritualität

Bei christlicher Spiritualität gehe es nicht nur darum, etwas von Gott zu spüren oder mit Gott zu erleben. Unter Rückgriff auf ein Zitat von John Wesley, den Gründer der methodistischen Bewegung, sagt sie: «Es gibt keine christliche Religion, ausser es ist eine soziale Religion.»

Wo Leute nur die persönliche Spiritualität suchten, die eigene Beziehung zu Gott, sei «diese Form der Spiritualität tot, wenn sie nicht auch die andere Form der Spiritualität kennt, die sich für andere einsetzt, die ‹sozial› wird mit anderen Menschen, mit der Schöpfung.»

Auch Carmody Grey gibt zahlreiche Hinweise dafür, wie zentral Spiritualität für das Engagement gegen die Klimakrise ist. «Spiritualität ist kein Luxus, sondern unerlässlich», ist sie überzeugt. Denn sie öffne den Blick dafür, dass unsere Welt mehr ist als das, was unsere Augen sehen.

Das System verändern

Glaubens-Gemeinschaften spielten auch darum eine besondere Rolle im Engagement gegen die Klimakrise, weil sie von der globalen, weltweiten Ebene bis hin zu dem, was in Familien geschieht, Einfluss nehmen können.«Diese grosse Reichweite verleiht Glaubens-Gemeinschaften eine ziemlich einzigartige und einflussreiche Stellung in der globalen Ordnung.»

Nur dürften sie sich nicht dadurch in die Irre führen lassen, dass sie denken, es gehe primär um eine Veränderung der persönlichen Frömmigkeit – oder darum das Thema «Schöpfung» vermehrt in die Liturgie einfliessen zu lassen. So wichtig das alles sei, es sei nicht das, was wirklich zähle. «Es geht vielmehr darum, das System zu verändern, bevor es uns vernichtet.»

Rückgriff auf frühere Erfahrungen

Im Gespräch vergleicht Carmody Grey diesen System-Wandel mit der Abschaffung der Sklaverei. «Im 17./18. Jahrhundert erkannten einige Leute, dass der Handel mit Menschen unmoralisch war – dass die Sklaverei falsch war.» Nun hätten sie entweder versuchen können, jeden einzelnen davon zu überzeugen, dass die Sklaverei falsch ist. «Oder sie konnten sagen: Wir müssen Sklaverei illegal machen, so dass niemand mehr Sklavinnen oder Sklaven besitzen kann. Denn eine Gesellschaft, in der Menschen besessen, gekauft und verkauft werden, ist keine zivilisierte Gesellschaft. Das sollte nicht erlaubt sein.»

Ziel konnte es also nicht sein, einzelne zu einer heroischen Entscheidung zu überreden, so dass sie ihre Sklav:innen verkaufen. Denn die entscheidende Frage sei gewesen: «In welcher Gesellschaft wollen wir leben? In einer Gesellschaft, in der es legal ist, mit Menschen zu handeln? Oder in einer Gesellschaft, in der das nicht erlaubt ist?»

Konsequent politisch handeln

Genau so sei es heute. Natürlich sei es nicht falsch, den eigenen CO2-Fussabdruck zu reduzieren. Doch die eigentliche Aufgabe sei es, sich für einen Wandel des Systems einzusetzen. «Die Aufgabe der Glaubens-Gemeinschaften war es, Sklaverei illegal zu machen. Und genau das haben sie getan!»

Die Konsequenz, die sie daraus zieht, zielt auf das politische Handeln der Kirchen und der Christ:innen. «Jede Glaubens-Gemeinschaft sollte sich dafür einsetzen, dass Politikerinnen und Politiker, die keine radikalen Massnahmen für das Klima und die Natur unterstützen, unwählbar sind.» Dabei gehe es nicht um bestimmte Parteien. Politiker:innen, die sich hier nicht einsetzten, dienten vielmehr nicht dem Gemeinwohl.

Investionen überprüfen

Eine zweite Möglichkeit, wie Glaubens-Gemeinschaften einen Wandel des Systems bewirken können, sei über ihre finanziellen Mittel. «Glaubens-Gemeinschaften haben eine Menge Geld. Wie geben sie das aus?» Kirchen in Europa verfügten über enorme Investitionen. «Wie können wir sicherstellen, dass wir nicht in böswillige oder schädigende Akteure investieren? In Akteure, die die Zukunft zerstören?»

Unterbrochen wird das Gespräch mit Carmody Grey, indem Szenen von der Klimademo in Bern eingeblendet werden. Pfarrerin Sarah Bach hatte mit anderen zusammen im Vorfeld der Demo ein Klimagebet organisiert. Viele der Teilnehmer:innen gingen anschliessend auch gemeinsam zur Klimademo. Spiritualität und politisches Engagement waren auch hier unmittelbar miteinander verbunden.

Michael Hari, der das Video moderiert und gedreht hat, fragt Carmody Grey am Ende als letzte Frage: «Was ist deine Hoffnung?» Es folgt ein langes, sehr langes Schweigen, ehe die Theologin ihre Hoffnung formuliert.

S.F.
Beitragsbild: Die Theologin Carmody Grey. (Foto: Michael Hari, EMK Schweiz)

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