Bezirk
Bild: Matthias Fankhauser von der MEthodistenkirche in der Schweiz

«Am besten gehen wir dort hin, wo Gott schon am Wirken ist.»

26. März 2024

Sehr unter­schied­liche Projekte haben in Heiligen­schwendi bei Thun und in Romans­horn metho­distische Kirch­gemeinden neu auf­blühen las­sen. Gibt es ein Geheim­nis, das beide Pro­jekte – und viel­leicht auch andere – gemein­sam haben? Matthias Fank­hauser vom Bereich Gemeinde­Entwicklung der metho­distischen Kirche in der Schweiz ordnet ein.

Bei aller Unterschiedlichkeit, was haben die Projekte in Heilgenschwendi und Romanshorn gemeinsam?

Ein Blick zurück in die Geschichte der beiden Projekte zeigt Unterschiede und vergleichbare Rahmenbedingungen sehr gut, denke ich: Die methodistische Gemeinde in 🔗Heiligenschwendi hatte seit vielen Jahren nie eine eigene Pfarrperson. Doch die Verantwortlichen haben gemerkt, dass sich dort Möglichkeiten für eine Entwicklung zeigen.

«Wie wäre es, wenn wir jemanden dort hinschicken, eine Pfarrperson, die einfach Zeit hat, mit den Leuten in Kontakt zu kommen.»

Vor allem hat es dort sehr viele Familien. Das führte zu der Überlegung: Wie wäre es, wenn wir jemanden dort hinschicken, eine Pfarrperson, die einfach Zeit hat, mit den Leuten in Kontakt zu kommen. – Die Spur wurde weiterfolgt. Die Verantwortlichen haben einen Projektantrag gestellt. Auf diese Weise ist das entstanden, was jetzt ist. Dabei wurde auch der Prozess weiter begleitet.

Die Geschichte in 🔗Romanshorn klingt demgegenüber ganz anders: In der methodistischen Gemeinde dort gab es ein Angebot von «Tischlein deck dich». Da kommen die Leute hin, um Lebensmittel abzuholen. Gekommen sind viele Ukrainerinnen. Nun gibt es bei dieser Lebensmittelabgabe Wartezeiten: Die Leute müssen warten, bis andere vor ihnen durch sind. Dann können sie erst auch hineingehen. Das heisst, die Leute sind in Schlangen gestanden. Also haben die Verantwortlichen einen Tisch hingestellt und Kaffee serviert. So konnten die Leute im Café warten, bis sie drangekommen sind.

Trotz der Unterschiede gibt es bei den Rahmenbedingungen Gemeinsamkeiten. Ich würde die so beschreiben: Ein gewisses Bedürfnis muss da sein. In Heiligenschwendi waren das die Familien. In Romanshorn die, die gewartet haben.

«Wenn du keine Zeit hast, musst du irgendjemanden freistellen, das heisst: Es braucht auch Geld.»

Dann braucht es Leute, die das Bedürfnis sehen und bereit sind, etwas zu machen. Das heisst, es braucht Zeit, sonst kannst du das nicht machen. Wenn du keine Zeit hast, musst du irgendjemanden freistellen- Es braucht also auch Geld. Wenn du jemanden anstellen musst, dann braucht es viel Geld. Wenn du niemanden anstellen musst, dann braucht es etwas weniger Geld.

Ist also genau dies das Geheimnis: das Bedürfnis zu sehen?

Ja, genau. Ich sage oft: Am besten gehen wir dort hin, wo Gott schon am Wirken ist. Dazu braucht es das Gespür, wo etwas am Entstehen ist. Ich als Christ sage: Dort ist Gott am Wirken. Und da können wir dann mal schauen: Was heisst das jetzt für uns?

Welche Rolle spielt in Heiligenschwendi, dass die reformierte Kirche dasselbe Gebäude nutzt wie die Methodistinnen und Methodisten?

Als diese Kirche gebaut wurde, hat der Bauer, der das Land dafür gab, die Bedingung gestellt, dass die Reformierten und Methodisten zusammen eine Kirche bauen. Das Miteinander gehört dort oben also quasi zur DNA. Natürlich nutzt am einen Sonntag die eine Gemeinde und am anderen die andere die Kirche. Und es sind auch andere Leute, die kommen.

Nun kam dazu, dass die Reformierten gesagt haben: Wir konzentrieren uns mehr auf unseren anderen Standort. Dadurch entstand so etwas wie eine Leerstelle. Zugleich haben wir von der methodistischen Kirche gesehen: Da ist ein Bedürfnis – und entschieden, jemanden dort hinsetzen, der Zeit hat für die Leute. So ist dort etwas Neues gewachsen.

Dass ein Bedürfnis da ist, lässt sich nicht «machen». Das können wir nur wahrnehmen. Worin liegt dann unsere Verantwortung?

Eine wichtige Rahmenbedingung ist eben: Es braucht eine Person, die sagt: ‹Ich gebe mich da hinein!› In der Regel sind das nicht Angestellte, sondern Freiwillige. Sie kommen mit einer Idee, was getan werden könnte.

Ist das Projekt gestartet, dann ist das entscheidende Stichwort «Evaluation». Das heisst: Immer wieder hinschauen: Was ist? Was könnte man machen? Was braucht es jetzt Neues? Was heisst das für uns? Was machen wir?

«50% von denen, die kommen, sind Muslime. Es ist Ramadan. Die können gar nicht essen am Mittag.»

In Romanshorn zum Beispiel haben die Verantwortlichen wieder hingeschaut und gemerkt: Da können wir eine Anpassung vornehmen. So ist aus dem Café dann ein gemeinsames Essen entstanden. Die neueste Entwicklung ist: Bislang wurde ein Mittagessen angeboten. Doch nun zeigt sich: 50% von denen, die kommen, sind Muslime. Es ist Ramadan. Die können gar nicht essen am Mittag. Also haben sie das angepasst. Jetzt machen sie ein Abendessen.

Das ist ein ziemlich entscheidender Punkt. Wir Schweizerinnen und Schweizer sind gut darin hinzuschauen und zu sagen, was nicht gut läuft. Ein bisschen weniger gut sind wir darin, etwas anzupassen: Was müssen wir anders machen? Und noch ein bisschen weniger gut sind wir darin, das dann auch zu machen. Wenn aber die drei Sachen zusammenkommen, dann gibt es eine Entwicklung.

Ich öffne den Horizont noch weiter: Du bist verantwortlich für die verschiedene Projekte unter dem Label 🔗«Kirche anders» der methodistischen Kirche in der Schweiz. Was unterscheidet die beiden Projekte von den anderen? Was verbindet sie?

Der Unterschied wäre, dass in Heiligenschwendi und Romanshorn schon je eine methodistische Gemeinde war, die jetzt einfach etwas ausprobiert. Ansonsten gleichen sich die Projekte. Es ist auch bei «Kirche anders» so: Du brauchst eine Person, die in so etwas hineingeht. Vielleicht startet das Projekt bei uns, weil wir eine Idee haben. Oder es startet, weil aus dem Umfeld Leute kommen und sagen: Wir brauchen das und das.

«Gehe doch einfach in ein Café oder in die Migros, sprich mit den Leuten!»

Nehmen wir zum Beispiel die 🔗«Schlagerfamilie»: Da war der Sendeleiter des Fernsehsenders gekommen und hat gefragt: ‹Könntest du nicht an Ostern eine Andacht machen?› Das ist an unseren Schlagerpfarrer hergetragen worden und war definitiv nicht seine Idee!

Wie können Kirchgemeinden entdecken, was ‹vor ihren Füssen› liegt? Wie gehe ich so etwas an?

Gehe doch einfach in ein Café oder in die Migros, sprich mit den Leuten! Oder du gehst zur Glas-Sammelstelle, wie 🔗unsere Pionierin in Frauenfeld … Du musst unterwegs sein mit den Leuten im Ort, schauen, was ist. Und dann etwas probieren, um herauszufinden, ob das wirklich das ist, was es braucht.

Das heisst, die Antwort findet sich eher nicht in der eigenen Kirchgemeinde?

In einer bestehenden Gemeinde hat es auch Bedürfnisse! Hier reden wir jedoch von einer neuen Arbeit. Wenn du etwas Neues machen willst, findest du das, worum es geht, wahrscheinlich nicht bei dir. Allerdings: Die Leute, die in der Gemeinde ein und aus gehen, haben ja auch Kontakt zu anderen, die nicht in die Gemeinde kommen. Das wäre auch ein Anknüpfungspunkt.

S.F.
Beitragsbild: Matthias Fankhauser ist unter anderem veramntwortlich für Projekte, in denen Kirche in anderer Form entsteht. (Foto: Sigmar Friedrich, EMK Schweiz)

Weitere Newsmeldungen

Abonnieren Sie unseren Newsletter