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Bild: Der methodistische Bischof Américo Jara Reyes vor dem Cover der Stellungnahme «Basta»

Methodistenkirche in Argentinien: «Es reicht!»

20. April 2024

Die Armut nimmt zu, das Recht zu demonstrieren wird eingeschränkt, eine Menschenrechtsaktivistin wird attackiert– was tun? Den Betroffenen beistehen, sagt Bischof Américo Jara Reyes, und gegen das Unrecht protestieren. Dafür findet er deutliche Worte.

Die aktuelle Situation sei sehr komplex, stellt Américo Jara Reyes, Bischof der Methodistenkirche in Argentinien, fest. Es gehe um Armut, Gesundheit, Individualismus, Bildung. Wenn an einem Ort finanziell gekürzt werde, treffe es das Ganze. Er sage nicht, dass vorher alles besser gewesen sei, aber doch sozialverträglicher und stärker den Bedürfnissen der Menschen entsprechend.

Grosse Sorgen

Am 19. November 2023 wurde Javier Milei zum Präsidenten von Argentinien gewählt. Die seither angestiegene Inflation von bis zu 270% bringt viele Menschen in existentielle Not. Aus Protest gegen die neoliberalen Reformpläne der Regierung kam es am 25. Januar zum Generalstreik. Weitere Streiks folgten trotz Versuchen, das Recht darauf einzuschränken. Oft gibt es heftige Zusammenstösse mit der Polizei. Menschenrechtorganisationen und Kirchen sind zudem alarmiert, weil der rechtslibertäre Staatschef das Nationale Institut gegen Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus aufgelöst und gendersensible Sprache offiziell verboten hat.

Es ist genug

Am 20. März 2024, vier Tage vor dem Gedenktag an die Opfer der Militärdiktatur (1976 bis 1983), wurde eine Vertreterin der Menschenrechtsorganisation H.I.J.O.S. zuhause von zwei bewaffneten, maskierten Männern überfallen und missbraucht. Zu H.I.J.O.S. gehören vor allem Personen, deren Eltern Opfer der Diktatur wurden und ihre Angehörigen. Sie setzen sich dafür ein, dass die Täter von damals strafverfolgt werden. Die Organisation bringt die Tat klar mit den Machenschaften der aktuellen Regierung in Verbindung. 🔗Unter dem Titel «Basta» verurteilt Bischof Américo Jara Reyes im Namen der Methodistenkirche in Argentinien diesen Anschlag und fordert Erinnerung, Wahrheit und Gerechtigkeit. «Als Personen des Glaubens, in einem pluralistischen und diversen Land, sagen wir: Nie wieder Diktatur!» 

Nie mehr!

Auch die ökumenische Bewegung für Menschenrechte, zu der die Methodistenkirche gehört, 🔗solidarisiert sich mit der betroffenen Frau, verlangt eine rechtliche Aufklärung und protestiert: «Am Vorabend des Tages des Gedenkens, der Wahrheit und der Gerechtigkeit, an dem wir uns auf einen friedlichen Marsch vorbereiten, um der 30 000 verschwundenen Personen zu gedenken und den Wert der Demokratie zu bekräftigen, können wir diese abscheuliche Tat nicht durchgehen lassen. Wenn ihr eine von uns anrührt, rührt ihr uns alle an. Deshalb sagen wir im Namen Dessen, der uns ruft, Gerechtigkeit zu schaffen: Nie mehr!» 

So helfen Sie mit
Die Methodistenkirche in Argentinien setzt sich für soziale Gerechtigkeit, das Recht auf Migration, Klimagerechtigkeit und Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern ein. Sie thematisiert die verschiedenen Aspekte von Gerechtigkeit in Seminaren, online-Foren für Jugendliche und durch öffentliche Stellungnahmen.
Connexio hope, die Organisation für kirchliche Zusammenarbeit der Methodist:innen in der Schweiz, leistet finanzielle Unterstützung.
Connexio hope, Zürich, CH09 0900 0000 1574 7657 4 , Vermerk «Argentinien».
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Höchst besorgt

Bereits Anfang Februar schreibt die Vereinigung der Evangelischen Kirchen in Argentinien 🔗in einem offenen Brief an die Ministerin für Sicherheit, Patricia Bullrich: «Wir sind äusserst besorgt. Wir verstehen, dass das Sicherheits-Ministerium, dem Sie vorstehen, dafür verantwortlich ist, die Sicherheit und Integrität aller Personen ohne Unterschied zu garantieren. Das schliesst auch das verfassungsgemässe Recht auf den Protest mit ein, welcher weder ein Grund für Repression oder Kriminalisierung sein kann noch sein darf.» Die Gewalt gegen Demonstrierende, die Abschreckungsversuche und die Willkür würden ein Klima der Gewalt schaffen, welches eines Rechtsstaates unwürdig sei. «Wir fordern, dass die Umsetzung des ‘Sicherheitsprotokolls’ dringendst aufgehoben wird.»

Sich erinnern heisst erkennen

Vor diesem Hintergrund bekommt der Gedenktag vom 24. März 2024 eine besondere Bedeutung. Bischof Américo Jara Reyes betont 🔗in seiner Stellungnahme, dass sich erinnern eine dauernde Aktion, Verpflichtung und Herausforderung sei. Man müsse erkennen, was es möglich machte, dass der Terror sich des Landes bemächtigt und dazu geführt habe, dass kriminelle Aktionen des Staates straffrei waren. «Wir wollen unermüdlich nach der Wahrheit suchen, uns leidenschaftlich für Gerechtigkeit einsetzen und mit Nachdruck für den Frieden und das Leben arbeiten. Wir verlangen zusammen mit der ganzen Gesellschaft: ‘Nie mehr’.»

Selbst betroffen

Bischof Américo Jara Reyes ist in Chile aufgewachsen und seine Familie war in der Methodistenkirche verwurzelt. Sein Vater wurde in der Zeit der Militärdiktatur (1973-1990) umgebracht, seine Mutter wanderte danach mit den Kindern nach Argentinien aus. Eine Woche nach ihrer Ankunft begann auch in Argentinien die Diktatur. Doch weil die Familie dort nicht bekannt war, war sie sicherer. Américo Jara Reyes sagte in einem Interview im Jahr 2022 bei einem Besuch in der Schweiz, dass er den Tätern verziehen habe. Aber Wahrheit bleibe ihm wichtig. Und Gerechtigkeit.

Oasen schaffen

Über 40% der Bevölkerung lebte bereits vor dem Regierungswechsel in Armut. Manche Kirchgemeinden engagieren sich seit Jahren sozial mit einer Kleiderausgabestelle, Hausaufgabenhilfe oder Mittagstischen. Das aktuelle Wirtschaftsmodell vergrössert die Probleme, die viele Menschen bereits vorher hatten. Betroffen sind unter anderem Pensionierte, kranke Menschen, Personen ohne Arbeit oder ohne geregelten Lohn. Die Gemeinden sind aufgerufen, erfinderisch zu werden und in diesen sehr schwierigen Zeiten den Betroffenen Raum, Aufmerksamkeit, Hoffnung und Unterstützung zu geben. Die Methodistenkirche in Argentinien als kleine und nicht finanzstarke Kirche ist stark herausgefordert. Trotzdem will sie ihr Möglichstes tun und «Oasen schaffen, die helfen, dass es den Menschen ein klein wenig besser geht», so Bischof Américo Jara Reyes.

Nicole Gutknecht, Connexio develop und Connexio hope
Quellen: im Beitrag verlinkt, ausserdem: Interview von Flavia Contreras und Roman Gnägi (Koordinationspersonen Connexio hope and Connexio develop) mit Bischof Américo Jara Reyes vom 18. März 2024
Beitragsbild:Bild einer Stellunfnahme; Bischof Américo Jara Reyes. Das Bild von Website der Methodistenkirche in Argentinien nimmt Bezug auf Frauen, die rund ein Jahr nach dem Militärputsch in Buenos Aires demonstrierten. Sie trugen weisse Kopftücher und hielten Fotos ihrer verschwundenen Kinder in der Hand. (Foto Bischof Américo Jara Reyes von Jörg Niederer; Fotomontage: S.F.)

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