Bezirk
Bild: Zwei ältere Mäner mit arabischem Teint stehen vor einigen hohen Sträuchern. Links im Hintergrund ist die Shilouette von Bethlehem zu sehen.

«Wir brauchen jetzt eure Unterstützung!»

11. Juni 2024

Ein Ort des Friedens und der Versöhnung nahe Bethlehem ist bedroht. Thomas Kemper besuchte das Projekt nicht zum ersten Mal. Doch nie war die Stimmung so bedrückt wie jetzt.

Dieser Besuch ist anders. Ich hatte den Hof der Familie Nassar in der Nähe von Bethlehem schon mehrmals besucht: das «Zelt für die Völker» («Tent of Nations»). Ein aktiver landwirtschaftlicher Betrieb mit Olivenhainen und Viehzucht und gleichzeitig ein Projekt für die Friedensarbeit in Palästina.

Der Stein am Eingang zum «Tent of Nations» bei Bethlehem formuliert den Grundsatz Friedensprojekts. (Foto: Thomas Kemper, privat)

Engagiert für den Frieden

Die Familie kaufte dieses Stück Land 1916. Es war bei den Osmanen registriert, die damals herrschten. Schon damals war es ein Zeugnis für die christliche Präsenz in diesem Teil der Welt und setzt sich ein für den Frieden zwischen den Völkern und den Frieden zwischen den Religionen. «Wir weigern uns, Feinde zu sein», lautet der Grundsatz, der auf einem Stein am Eingang eingraviert ist.

Registrierung wird verschleppt

1976, nach dem Tod ihres Vaters, übernahmen die Brüder Daoud und Daher den Hof. Im Jahr 1991 wurde der Hof zu Staatsland erklärt, d. h. zu Land unter der Verwaltung der israelischen Besatzung. Seitdem kämpft die Familie um den Erhalt des Landes. Im Jahr 2006 entschied der Oberste Gerichtshof Israels, dass sie ihr Land wieder registrieren lassen können.

Bis heute, nach mehr als 30 Jahren vor den Gerichten, haben sie keinen Erfolg gehabt. Es kam immer wieder zu Verzögerungen seitens der Behörden und Gerichte. Auch die letzte Anhörung wurde von der Zivilverwaltung im Dezember 2023 abgesagt. Und in all diesen Jahren sind die illegalen Siedlungen dem Bauernhof immer mehr näher gekommen. Die Siedlungen sind inzwischen hochentwickelte Städte mit vollständiger städtischer Infrastruktur.

Eine Strasse zerschneidet das Land

Bei diesem Besuch habe ich nur die beiden Brüder getroffen. Sonst niemanden. Keinen der vielen internationalen Freiwilligen, die normalerweise dort leben und arbeiten. Keine anderen Familienmitglieder. Keine Landarbeiter. Es war ruhig und fast ein bisschen einsam, und dann hörten wir plötzlich den Lärm von Baumaschinen.

Direkt am Zaun, nur ein paar Schritte von einem Baum entfernt, den Generalsekretär Bischof Abrahams und Präsident Park vor ein paar Jahren im Namen des Weltrates methodistischer Kirchen gepflanzt hatten. 2017 hatte der Weltrat methodistsicher Kirchen der Familie Nassar 🔗den Friedenspreis für ihr Engagement für Frieden und Gerechtigkeit in Palästina verliehen. Nur wenige Meter von diesem Baum entfernt waren Bulldozer unterwegs, um eine neue Strasse zu bauen. Eine Strasse für die Menschen in den illegalen israelischen Siedlungen, die seit Jahrzehnten auf den Hügeln rund um den Hof wachsen. Eine Strasse, die in Zukunft wahrscheinlich das Land der Familie durchschneiden wird.

Ein Bagger baut eine Strasse dicht neben dem Land des Friedensprojekts «Tent of Nations». Im Hintergrund sind die neu entstandenen jüdischen Siedlungen zu sehen. (Foto: Thomas Kemper, privat)

Diebstahl und Einschüchterungsversuche

Und noch etwas war anders: Wir hörten die Bombenexplosionen im Gazastreifen, nur 40 Kilometer entfernt. Zum ersten Mal bei einem Besuch bat Daoud ausdrücklich darum, dass sich die internationale Gemeinschaft, insbesondere die methodistische Gemeinschaft, öffentlich für den Erhalt der Farm einsetzt.

Die Familie ist vielen Formen von Einschüchterung und Schikanen ausgesetzt. Der Zugang zu ihrem eigenen Land wird immer wieder erschwert. Auf der Zufahrtsstrasse wurden grosse Steinblöcke aufgeschüttet, so dass der Hof nur über schwierige Umwege erreicht werden kann. Es kam zu Zerstörungen von Ackerland, Diebstahl von Tieren und auch zu körperlicher Gewalt gegen die Brüder. Die Siedler, die unter dem Schutz der Armee stehen, agieren immer hemmungsloser.

Wichtiger denn je

«Wir brauchen jetzt eure Unterstützung. Wendet euch an eure Regierungen», sagt Daoud. «Die Registrierung muss endlich vorgenommen werden. Die Schikanen durch Siedler und Soldaten müssen aufhören.»

Es wäre eine grosse Tragödie und ein grosser Verlust, wenn dieses Zeichen der Versöhnung und des Friedens im Heiligen Land ausgerechnet jetzt zerstört werden würde. Der 7. Oktober mit dem schrecklichen Massaker der Hamas hat die Welt im Heiligen Land dramatisch verändert. Gewalt und Spaltung prägen das Leben in Israel und Palästina noch mehr als zuvor. Umso wichtiger sind Orte wie das «Zelt für die Völker», an denen Menschen sich weigern, Feinde zu sein.

Thomas Kemper (aus: First Friday Letter, Ausgabe Juni 2024 des Weltrats methodistischer Kirchen)
Beitragsbild: Die Brüder Daoud und Daher Nassar. (Foto: Thomas Kemper, privat)

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Der Friedenspreis
Mit dem seit 1977 jährlich verliehenen Friedenspreis des 🔗Weltrats methodistischer Kirchen werden Methodist:innen geehrt, die sich mit Mut, Kreativität und Ausdauer für Menschen in bedrängenden Situationen engagieren und auf Frieden hinarbeiten. Die Empfänger:innen erhalten eine Medaille, eine Urkunde und 1000 US-Dollar, die symbolisch die Anerkennung ihrer Leistung zum Ausdruck bringen sollen.
Der Autor
Thomas Kemper war mit seiner Frau im Missionseinsatz in Brasilien, wurde im Jahr 1998 Missionssekretär der Weltmission der methodistischen Kirche in Deutschland.
Im Jahr 2010 wurde er Generalsekretär des internationalen Missionswerks der weltweiten methodistischen Kirche (General Board of Global Ministries of The United Methodist Church), zu dem auch das Katastrophen- und Entwicklungshilfswerk UMCOR gehört.
Seit 2021 ist er in einer Beraterfunktion bei der Pensionsbehörde Wespath tätig und engagiert sich vor allem im Hinblick auf Rentenpläne für Pfarrerinnen und Pfarrer sowie weitere Mitarbeiter:innen in den Zentralkonferenzen der United Methodist Church.