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In etwa in der Bildmitte steht in leichter Entfernung ein Mann in dunklem Anzug und violettem Hemd vor einem Kreuz an einem Rednerpult und spricht zu einer Menschenmenge, die im Bildvordergrund von hinen zu sehen ist.

Dem Durst auf die Spur gekommen

18. Juni 2024

Unter dem Motto «Zäme em Läbensdorscht of de Spuur» trafen sich am 16. Juni über 600 Methodist:innen in Rothrist, darunter eine stattliche Zahl junger Leute, die an der «EMK Young Night» teilgenommen hatten. Markus Bach schildert seine Eindrücke von vielfältigen Abschluss der Tagung der Jährlichen Konferenz (Kirchenparlament) der methodistischen Kirche in der Schweiz, Frankreich, Belgien und Nordafrika.

Noch einen letzten Schluck vom kaltgewordenen Kaffee schlucken. Es geht weniger um Durst, sondern mehr darum, dass es sich gehört, auszutrinken. Dann mache ich mich auf den Weg zum Gottesdienst der Jährlichen Konferenz in Rothrist. Der Weg war kurz und einfach für mich, ich habe die Spur schnell gefunden. Ob das mit dem Thema der Konferenz ebenso einfach ist? «Zäme em Läbensdorscht of de Spuur». Was erwartet mich? Kalter Kaffee? Etwas das man konsumiert, weil es sich gehört, anwesend zu sein? Und ich habe mich gefragt, ob ich Durst habe, und welche Farbe mein Durst hat.

Auf einer Bühne ist eine Band aus vier Männern und drei Frauen zu sehen, die singen. Im Hintergrund auf der Leinwand wird ein Liedtext projiziert.

«Praise Mittelland» gestaltete den Lobreisteil und die Musik im Gottesdienst am Sonntagmorgen. (Foto: Jörg Niederer)

Durst nach Begegnung und Wiedersehen

Bereits auf dem Platz vor der Halle werde ich von verschiedenen Personen gegrüsst: «Hoi» und «Tschou», «Schön bisch da». Ich bin froh, dass auch ich nach dem Namen gefragt werde, da ich selbst einige kenne, deren Namen mir aber gerade entfallen sind. Darauf habe ich mich gefreut, all diesen vielen Menschen zu begegnen, bekannte, unbekannte, schon lange nicht mehr gesehene Menschen. Ich trinke mit jeder Begegnung einen Schluck, um den Durst der Begegnung und des Wiedersehens zu löschen. Und der Durst wird während des ganzen Tages gelöscht, nicht nur bei der Begrüssung. Auch beim Mittagessen komme ich fast nicht vorwärts, immer ist jemand da, der mich grüssen will oder ich ihm die Hand zum Gruss entgegenstrecke. Auch noch am Schluss des Tages trinke ich Schluck um Schluck gegen den Durst der Begegnung und Wiedersehens – und er wird gestillt.

Durst nach Lobpreis und Anbetung

Schon fast etwas erschöpft nehme ich Platz im Lobpreisteil des Gottesdienstes. Die junge Band «Praise Mittelland» lädt ein, den Durst des Lobpreises und der Anbetung zu löschen. Ich nippe etwas und werde mitgerissen von der Band. Schluck um Schluck geniesse ich und spüre, wir mir die Lieder und Musik gut tun. Das gilt für den ganzen Gottesdienst. Die erfrischende und humorvolle Moderation von Larissa Dietemann und Matthias Bünger tut meiner Seele gut. Auch die Grussworte von Christoph Weber-Berg decken einen Durst, den man im methodistischen Binnenmeer fast vergisst: Die Erfahrung, dass wir mit anderen Kirchen und Christ:innen verbunden sind und uns diese Geschwisterschaft immer wieder gerne zusprechen lassen.

Jesus hat uns nötig

Wer an einem Gottesdienst teilnimmt, wird oft von ihrem oder seinem Durst nach Gottes Wort dorthin gebracht. Bischof Stefan Zürcher hat diesen Durst gestillt. Aber da waren doch einige überraschende Zutaten in diesem «Getränk». Anhand der Bitte Jesu an die Frau am Jakobsbrunnen, ihm Wasser zu geben, formuliert er: «Jesus hat uns nötig». Liebe braucht zwingend ein Gegenüber. Und Gott ist Liebe. So doppelt er nach: «Das ist wichtig zu hören: Jesus hat uns – auch uns als Kirche, unsere Gemeinden – nötig!»

Wie die Frau am Brunnen ihren Durst löscht, so lädt Bischof Stefan ein, dass auch wir unseren Durst bei Jesus löschen. Und er lädt ein, dem Durst auf den Grund zu gehen. Was ist unsere tiefste Sehnsucht? «Es ist das Bedürfnis nach der Gewissheit, dass Jesus Christus Ja zu uns sagt, immer wieder neu, heute, morgen und in Zukunft. Wir wünschen uns, dass er uns bestätigt: Es ist gut mit euch zu gehen.» Dieser Durst nach einer lebendigen Beziehung zu Gott zeigt sich in der Anbetung. «Erst in der Anbetung erkennen wir, dass wir ganz und gar von ihm gewollt und bejaht sind.» formuliert Bischof Stefan.

Ganz am rechten Bildrand steht ein Mann in dunklem Anzug mit einem A5-Ordner in der Hand, in den er hineinschaut. Am linken Bildrand stehen zwei weitere Männer und schauen den ersten an. Im Hintergrund ist eine grosse, in einer Turnhalle sitzende Menschenmenge zu erahnen.

Bischof Stefan Zürcher (r.) beauftragte Wilhelm Sell (l.) und Stef Gerber für ihren Dienst. (Foto: S.F. / EMK Schweiz)

Zur Quelle für andere werden

Dann geschieht etwas Überraschendes: Die Frau wird selbst zur Quelle und ist damit Vorbild für die Kirche. «Indem eine Kirche oder Gemeinde sich verströmt, verströmt sie Christus. Denn wir geben ja weiter, was er in uns hineingelegt hat, sich selbst. Und indem wir Christus verströmen, kommen andere Menschen mit ihm in Verbindung.» Dieses Bild wird mir bleiben: Indem ich meinen Durst stille, werde ich zur Quelle für andere Menschen.

An der Jährlichen Konferenz werden Menschen in den Dienst für die Kirche gestellt und ihnen wird eine Dienstzuweisung ausgesprochen. Erstmals haben Stefan Gerber und Wilhelm Sell die Beauftragung als Pfarrperson auf Probe und Frank Moritz als Lokalpfarrer in der methodistischen Kirche in der Schweiz erhalten. Die Freude darüber hat sich im spontanen Applaus der Konferenzgemeinde gezeigt. Ja, dem Durst nach neuen Mitarbeiter:innn können wir etwas entgegenwirken. In der Liste der Dienstzuweisungen wird dann jedoch deutlich, dass dieser Durst nicht gestillt werden kann. Dieser Durst wird nicht gelöscht und ich lerne, hier mit Durst leben zu müssen. Wo sind die Menschen, die diesen Durst löschen können?

Von hinten fotografiert sind vier Frauen mit hellblauem T-Shirt mit der Aufschrift «Staff» in weissen Buchstaben auf Stühlen sitzend zu sehen.

An den blauen T-Shirts immer gut zu erkennen: die freiwilligen Helfer:innen. (Foto: S.F. / EMK Schweiz)

Durst nach Vielfalt

Beim Mittagessen konnte ich dann auch endlich meinen tatsächlichen Hunger und Durst stillen und gleichzeitig jenen nach Begegnung und Wiedersehen. Aber das, was mir fast am meisten Freude bereitete, war zu sehen, wie vielfältig und kreativ unsere Kirche ist: ein Mitsingkonzert für alle Generationen mit Christof Fankhauser, malen, salben und segnen, Abendmahl feiern, Karten gestalten oder schreiben, Kontemplation, Familienpostenlauf, Schatten oder Kinder suchen, Glace essen oder anderen spendieren, Wasserflaschen füllen und vieles mehr.

Und dann waren da auch überall die «Blauen». «Staff» stand hinten auf dem blauen T-Shirt. Sie haben umgeräumt, aufgeräumt, hingestellt und organisiert, Eimer geleert, Getränke und Essensgutscheine verkauft, Tische abgeräumt und Essensausgabe bedient. Es lässt sich nicht aufzählen, was sie alles gemacht haben. Und sie haben es gerne gemacht, Arbeit in Vielfalt. Diese Vielfalt beeindruckt mich jedes Jahr, so auch jetzt.

Dankbar und mit fast ganz gelöschtem Durst bin ich heimgekehrt. Nein, es war nicht kalter Kaffee, der mir serviert wurde. Und wenn kalter Kaffee tatsächlich schön macht, dann erahnen Sie vielleicht, warum ich nicht zu den Schönheiten gehöre…

Markus Bach / S.F.
Beitragsbild: Bischof Stefan Zürcher nahm in seiner Predigt das Thema «Lebensdurst» anhand der biblischen Erzählung aus dem 4. Kapitel des Johannesevangeliums auf. (Foto: S.F. / EMK Schweiz)

Predigt von Bischof Stefan Zürcher (PDF)

Übersichtsseite zur Jährlichen Konferenz

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