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Wegen Pandemie abgesperrte Kirchenbänke

Die Pandemie – ein Gericht Gottes?

April 17, 2021

Die Corona-Pandemie veränderte die kirchliche Arbeit. Jenseits des «Alltagsgeschäfts» löst diese Erfahrung auch grundsätzlichere Gedanken aus: Wie verändert sich das Bild und die Selbstwahrnehmung von Kirche durch diese Pandemie? Wie lässt sich jetzt von Gott reden?

Wie sich in Basel und Schwarzenburg, Bregenz und Solothurn das methodistische Gemeindeleben in Zeiten von Corona verändert hat, haben Pfarrepersonen aus diesen Gemeinden geschildert. Einige haben sich auch herausfordern lassen, ihre weitergehenden, grundsätzlichen Gedanken thesenartig zu formulieren.

Stärkerer Zusammenhalt

Mit unterschiedlichen Akzentuierungen beschreiben die Pfarrer/innen, wie sich die kirchliche Gemeinschaft verändert hat: «Krisenzeiten mit der Gemeinde und Christus gemeinsam zu durchleben, kann durchaus dazu führen, dass der Ort der Gemeinde und die Gemeinschaft mehr Wertschätzung und Dankbarkeit hervorbringt», schreibt Pfarrer Bernfried Schnell aus Bregenz. «Ein stärkerer, liebender Zusammenhalt entsteht.»

Bröckelnde Ränder

Ähnlich beschreibt auch Pfarrerin Sarah Bach aus Schwarzenburg ihre Wahrnehmung. «In einer Krise wird der bereits verbindlich organisierte Teil einer Gemeinde zusammengeschweisst» sagt sie, sieht freilich auch die Gefahr, dass «der ‹äussere Kreis› schnell den Kontakt verlieren kann.»

Klärende Fragen

Doch auch im «inneren» Kreis löst die Krise ihrer Meinung nach einen klärenden Prozess aus. «Durch Corona und den Lockdown haben sich viele Gemeindeglieder seit langem Mal wieder Gedanken darüber gemacht, warum sie sich in der Kirche engagieren und ob sie daraus das gewinnen, was sie für ihr Leben brauchen oder nicht.» Unabhängig vom Ergebnis seien das wichtige Fragen. Sie helfen dazu, dass die Leute «Verantwortung für ihr eigenes geistliches Leben übernehmen».

Reduktion auf Soziales

Weniger zwischen einem «inneren» und einem «äusseren Kreis» sieht dagegen Pfarrer Jörg Niederer aus St. Gallen die Bruchlinien verlaufen. Vor allem die neuen digitalen Formate bringen eine tiefgreifende Veränderung mit sich. «Durch die Corona-Massnahmen werden die sozialen Aktivitäten und die religiösen Bedürfnisse separiert.» Was sich konsumieren lasse an der Kirche, finde auf anderen Ebenen – zum Beispiel online – und privat statt. Der Kirchenbesuch werde damit stark auf seine sozialen Aspekte zurückgebunden.

Ort der Einsamen

«In die Kirche werden nicht die gehen, die Glauben suchen, sondern sozialen Kontakt», sagt Niederer zugespitzt. «Wer religiöse Anliegen hat, wird wohl in Zukunft nicht oder weniger in die Kirche gehen, weil er dies alles individuell in der Medienlandschaft und bei Kursangeboten finden kann.» Das mache die Kirche noch stärker zu einem Ort der Einsamen, Unbeholfenen, der Randgruppen. Die Kirche sei künftig daher herausgefordert, sowohl online als auch vor Ort mit einem starken Auftritt präsent zu sein. «Die kirchliche Arbeit wird noch anspruchsvoller als vor der Pandemie.»

Heller leuchten

In der Pandemie selbst sieht Bernfried Schnell eine besondere Chance. «In dunklen und herausfordernden Zeiten können Gemeinden und Nachfolger Jesus Christi heller im Umfeld leuchten», ist er überzeugt. Zu Beginn des ersten Lockdown hatte er zum Beispiel allen Nachbar/innen einen Brief eingeworfen, in dem er Hilfe zum Einkauf angeboten hat. «Dadurch haben sich Türen geöffnet.»

Ist Kirche relevant?

Möglicherweise gelingt das nicht immer. Mit offenerem Ausgang formuliert daher Sarah Bach prägnant und herausfordernd: «Eine Krise deckt auf, welche Relevanz die Kirche noch im Leben der Menschen hat – oder eben nicht hat.»

Naht das Ende?

Auch die Art und Weise, wie Kirche von Gott redet und sich selbst in der Zeit versteht, wird durch die Pandemie herausgefordert. »Die Frage der Wiederkunft Christi ist für viele ein Intensivthema», sagt etwa Bernfried Schnell. Er verwahrt sich freilich gegen Mutmassungen in dieser Frage. «Wir haben weiterhin den Auftrag, Licht in der Welt zu sein und Menschen zu Jesus Christus zu führen – und nicht hypernervös Spekulationen zu folgen.»

Wie handelt Gott?

Nicht auf ein mögliches Ende der Zeit, sondern auf Gottes Handeln in dieser Zeit richtet dagegen Pfarrer Stefan Weller aus Basel den Blick. «Corona zwingt uns, neu über das Handeln Gottes in der Geschichte nachzudenken», sagt er.

Strafe Gottes?

Handelt denn Gott in der Pandemie? Ist sie vielleicht eine Strafe Gottes? – «Nein», sagt Weller. «Die Pandemie ist keine Strafe, aber vielleicht ein Gericht Gottes, der uns den Folgen unseres Handelns aussetzt.» Er versteht die Pandemie als eine Warnung, dass wir nicht weitermachen können wie bisher.

Gnädiges Gericht Gottes

Mit einem Zitat aus einem Lied beschreibt er, in welcher Weise er von Gottes «Gericht» redet: «Streng ist seine Güte, gnädig sein Gericht.» Weller erläutert: «Wie gnädig dieses Corona-Gericht ist, zeigt sich darin, dass wir online so viele Kontaktmöglichkeiten behalten haben.»

Ein Denkpause

Noch eine unerwartete Chance ist durch die Pandemie entstanden. Der weltweiten Methodistenkirche verschaffe sie eine Denkpause im Trennungsprozess. «Ich bin zwar skeptisch», sagt Weller, er «möchte aber die Tür einen Spalt offen halten zu der Hoffnung, dass diejenigen sich besinnen, die sich wegen der Frage der Homosexualität von Geschwistern anderer Meinung abtrennen möchten.» Diese Frage rühre nicht an das Zentrum des christlichen Glaubens. Wer dennoch deswegen die Kirche trennen wolle, befinde sich auf dem Weg zur Sekte.

Zeit für Wunder

Und dann gehört in sein Erfahrungsfeld noch ein weiteres Handeln Gottes in der Zeit. Die Pandemie könne auch eine «Zeit für Wunder» sein, sagt er und verweist auf das, was sich in der Schwesterngemeinschaft des Diakonats Bethesda ereignete: Im Dezember 2020 kam es dort zu einem Covid-19-Ausbruch. Nur zwei Schwestern wurden nicht positiv getestet. Alle sind Risiko- oder Hochrisikopersonen. Und alle haben ihre Erkrankung mit leichten bis mittelschweren Symptomen überstanden, einzelne sogar ohne Symptome.

S.F.
Beitragsbild: Klaus Prange, Pixabay

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